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Die Bildplatte kam in Europa nie zur Entfaltung . . .

Als es 1972 los ging, waren alle (europäischen) Zeitschriften des Lobes voll, doch Philips ließ sich viel Zeit. Ich vermute, der Schock des Telefunken Flops 1974 mit der TED Platte und dem (aus heutiger Sicht) "mikrigen" Medien-Angebot steckte irgendwie (verdeckt) in den Knochen. Das Platten-Label "Philips" hatte zwar die Rechte an vielen Schallaufnahmen von durchaus bedeutenden Künstlern und Interpreten, doch mit den bewegten Bildern war das anders.

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Aus der "elrad" März-Ausgabe von 1982 kommt ein Artikel über Bildplatten mit dem Titel - Krieg der Systeme:

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Die Bildplatte - schon in den Startlöchern

Vom Krieg der Systeme (auf dem Heim-Video Platten- markt), von Frontlinien, die bereits gezogen sind und von ersten Scharmützeln auf Testmärkten ist die Rede.

Worum geht es?
Im Herbst soll es endlich so weit sein: Brauchbare und erschwingliche Bildplattenspieler kommen auf den Markt. Drei Systeme werden es sein, und natürlich sind sie nicht kompatibel. Die Ausgangspositionen der Gerätehersteller sind geklärt, auch Programmaterial gibt es schon; der Kampf um Marktanteile für die verschiedenen Bildplattensysteme, der Angriff auf den Verbraucher soll demnächst beginnen.

Schallplatten waren schon lange weit verbreitet, ehe Otto Normalverbraucher überhaupt an den Kauf eines Tonbandgerätes denken konnte. Im Videobereich verlief die Entwicklung genau umgekehrt: Es gibt schon massenweise Band- und Kassettensysteme, mit denen man auch eigene Aufnahmen machen kann, während wir immer noch auf die erste kommerziell erhältliche Bildplatte warten!
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Trotzdem wird der Kampf um Marktanteile bei Videoplatten und -Spielern von drei Systemen kräftig angeheizt, von denen man eines zur Düsseldorfer HiFi-Messe im Herbst erwartet, zwei weitere nächstes Jahr.

"Man" glaubt, daß der Bildplattenmarkt sehr attraktiv sein wird, und mehr und mehr Hersteller wollen an dieser Entwicklung teilhaben. Tatsächlich erschien vor Jahresfrist in den USA eine Untersuchung mit der bemerkenswerten Vorhersage, daß innerhalb von drei Jahren die Produktion von Videoplattenspielern die der Videokassettenrecorder überflügeln wird. Man erwartet zu dieser Zeit in mehr als der Hälfte der US-Haushalte einen Bildplattenspieler.

Bild 1 - Die Platte des Laser Vision-Systems: unempfindliche Oberfläche.

(1) Laseroptisches System: Philips / MCA

Das Philips/MCA-System wird in den USA von Magnavox und Pioneer vertrieben und soll ca. 750 US$ kosten. Die Oberfläche der 30cm großen Platte ist (unter einer Schutzschicht) mit einer reflektierenden Beschichtung versehen, in die mit einem Laser kleine Grübchen von 400nm Breite und 100nm Tiefe gebrannt werden. (Zum Vergleich: Eine Zelle menschlichen Blutes hat einen Durchmesser von ca. 8000nm!)

Bei der Wiedergabe liest ein kleiner Helium-Neon-Laser die Information von der spiralförmigen Spur der Platte ab. Jede Platte hat 54.000 Spuren, von denen jede die Information für ein einzelnes, vollständiges Bild enthält. Die Spuren haben einen Mittenabstand von 1,6um; die Platte läuft mit 1.800 U/min und erlaubt eine Spieldauer bis zu 30 min (bei NTSC; die PAL/Secam-Version läuft mit 1.500 U/min bei 36 Minuten Spielzeit).
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Bild 2 - Laser Vision, die europäische PAL-Version von Philips. Im Herbst '82 soll der deutsche Markt über mindestens 30000 Bildplattenspieler verfügen.

Ein zweiter Typ dieser Bildplatte spielt sogar eine Stunde je Plattenseite. Das wird dadurch erreicht, daß man die Platte nicht mit konstanter Drehzahl laufen läßt, sondern diese mit wachsendem Radius und damit Umfang (die Platte wird von innen nach außen abgespielt) verringert. Mit diesem System sind keine Effekte (Standbild usw.) möglich. Die Regelung ist so ausgelegt, daß die Spur mit konstanter Geschwindigkeit an der Leseoptik vorbeiläuft.

Das Wiedergabesystem von Philips/MCA verlangt eine präzise Nachführung (tracking) des Laserstrahls durch einen Servo und einen Zeitfehlerausgleich, um Verwerfungen der Platte zu korrigieren. Von diesem System heißt es, daß die optischen Platten optimale Bildauflösung, lange Lebensdauer und große Speicherdichte vereinigen. Die Video-Bandbreite kann 8 MHz überschreiten. Es ist wahrscheinlich, daß dieses System schärfere Bilder liefern kann als kapazitiv abtastende Systeme.
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Bild 3
Bild 4
Bild 5
  • Bild 3 - Die Information ist auf der Philips-Platte in Form von kleinen Grübchen mit nur 0,6 um Breite (Maß B) und 0,1 um Tiefe codiert. Der Abstand A beträgt 1,6 um.
  • Bild 4 - Ein Laser liest die Länge der mikroskopisch kleinen Grübchen, die die codierte Information enthalten.
  • Bild 5 - So entstehen die Signale zur Steuerung des Schneidelasers. Das Ergebnis sind die mikroskopischen Vertiefungen, aus denen alle Video- und Audiosignale wiedergewonnen werden können.

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Bild 6 - Das optische Wiedergabesystem von Philips benutzt einen Laser und ein aufwendiges Linsen- und Trackingsystem, um der Spur auf der Platte zu folgen und sie abzutasten.

(2) Kapazitives System von RCA : Selecta-Vision

Bild 7 - SelectaVision von RCA benutzt eine Abtastnadel, die in der modulierten Rille der Platte geführt wird. Der Verschleiß soll das größte Problem sein.

Das RCA Selecta-Vision System verwendet eine Metallelektrode auf der Rückseite einer Diamantnadel mit einer Spitze von 5um x 2um. Diese Nadel folgt einer Rille, die in eine elektrisch leitende Vinylplatte geschnitten wurde und benutzt die Kapazitätsschwankungen, die von kleinen Einpressungen ('pits') am Boden der Rille herrühren (die pits werden auch als 'Grübchen' bezeichnet). Die Kapazitätsänderungen verwendet man zur Modulation. Das Ergebnis ist ein moduliertes, hochfrequentes Signal, das auf die Antennenbuchse des Fernsehgerätes gegeben wird.

Bei diesem kapazitiv abtastenden System werden als Hauptvorteile niedrige Kosten und einfache Plattenherstellung genannt. Der Verkaufspreis des RCA-Bildplattenspielers soll auf dem Weltmarkt unter 500 US$ liegen (USA 499 $). Das macht es in naher Zukunft zu dem billigsten Videoplattensystem, obwohl es möglicherweise als letztes zum Videoplattenrennen starten wird.

Das RCA-System verwendet 2,5um breite Rillen, so daß man mit einer 30cm-Platte bei 450 U/min eine Spielzeit von einer Stunde pro Seite erreicht. Bei diesem System ist weder ein Mechanismus zur tracking-Steuerung noch eine Servoschleife notwendig. Die größten Nachteile sind wohl die Nadelabnutzung, die die Lebensdauer des Abnehmersystems auf ca. 500 Stunden Spielzeit begrenzen soll und die relativ geringe Video- und Audio-Bandbreite. Die Luminanz-Bandbreite wird mit 3 MHz angegeben, die Chrominanz-Bandbreite mit 500 kHz, während die Audio-Bandbreite immerhin 15 kHz beträgt (auf der Platte codiert mit Trägern von 716 kHz und 910 kHz).

(3) Kapazitives System ohne Rillen: JVC / VHD

Bild 8 - Das VHD-System von JVC benutzt einen kapazitiven Abtaster, um die mikroskopisch kleinen Grübchen in der Platte aus leitendem Plastik zu 'lesen'; die Lebensdauer der Nadel soll etwa viermal so groß sein wie beim RCA-System.

Das Video High Density (VHD)-System von JVC funktioniert ebenfalls auf der Basis eines kapazitiven Abtasters, benötigt aber keine Rillen in der Platte, um den Abtaster zu führen. Neben dem Videosignal befinden sich Steuerspuren, mit deren Hilfe der Abtaster über ein Servosystem nachgeführt wird. Dieser bewegt sich auf der glatten Oberfläche der Platte. Kleine Einschnitte (Vertiefungen) in der Platte erzeugen am Abtaster Kapazitätsänderungen, die dieser in elektrische Signale umwandelt.

Die Luminanz-Bandbreite beträgt beim VHD-System ungefähr 3,1 MHz, und der komplette Videoträgersockel bis 6,6 MHz wird übertragen. Die Audio-Bandbreite ist bei einem Fremdspannungsabstand von 60dB größer als 20kHz. Der Video-Fremdspannungsabstand wird mit 42 dB angegeben.

Die Lebensdauer der Nadel liegt bei 2.000 Stunden (ist also viermal so groß wie beim RCA-System), aber die notwendige Servoschaltung treibt die Kosten der Geräte in die Höhe. Die Platten sind etwas kleiner als bei den Systemen von Philips und RCA und drehen mit einer konstanten Geschwindigkeit von 900 U/min. Spieler für VHD-Platten können auch passende digitale Audioplatten wiedergeben.
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Sehr schneller Zugriff bei VHD

Bild 9 - Ein moderner Philips Player
Bild 10 - Das VHD-System von JVC bietet viel: mehrere Suchlauf- und Wiederhol- funktionen, Zweisprachen- und Stereo- funktion, Zeitlupen- und Zeitraffer- wiedergabe. Und: Es ist kompatibel für AHD-Digitalschallplatten.
Bild 11 - Fisher, HiFi-Receiver-Hersteller schon seit 1937, hat sich für die Laser-Disc von Philips entschieden.

Da beim VHD-System der Abtastkopf von einem Servo und nicht von einer Rille geführt wird, ist hier ein viel schnellerer Zugriff auf jede beliebige Stelle der Platte möglich. VHD ermöglicht Spezialeffekte wie Standbild, Zeitraffer und Zeitlupe vorwärts und rückwärts, usw. Es ist bemerkenswert, daß diese Platten auf herkömmlichen Schallplattenpressen hergestellt werden können.

Beim Schneiden der Masterplatte wird ein einzelner Laserstrahl in zwei Hälften geteilt; die eine dient zur Aufzeichnung des Signals, die andere für die Steuer spur. Die Masterplatte besteht aus photoempfindlich beschichtetem Glas. Der Laser wird mit konstantem Vorschub radial über die Platte geführt, während diese mit 900 U/min läuft. Dadurch entsteht auf der Glasplatte eine spiralförmige Spur von feinen Grübchen. Von der Glasplatte werden dann auf dem üblichen Weg die metallischen Matrizen zum Pressen hergestellt.

Die endgültige, verkaufsfertige VHD-Platte besteht aus leitendem Polyvinylchlorid (PVC) und kann etwa 10.000 mal abgespielt werden. Die Saphirnadel ist an einem freitragenden Arm mit einem Dauermagneten am anderen Ende befestigt. Feste Spulen befinden sich in der Nähe des Magneten und eine einzelne um ihn herum (aber es besteht kein mechanischer Kontakt zwischen Spule und Magnet). Mit dieser Anordnung ist es möglich, den Abtastkopf transversal und longitudinal zu bewegen. Der Spulenstrom wird dazu von den Tracking-und Zeitbasisfehler-Einheiten gesteuert. Es ist aber auch möglich, eine bestimmte Stelle auf der Platte aufzusuchen; dabei wird ein entsprechender Bedienungsbefehl in ein Steuersignal für den Spulenstrom umgesetzt.

JVC gibt die relativ konventionelle Plattenherstellung als großen Vorteil ihres Systems gegenüber Videoplatten auf optischer Basis an. Matsushita (diese Firma vertreibt Technics und Panasonic) haben sich zugunsten des JVC-Systems gegen ihr eigenes Bildplattensystem entschieden und ein Abkommen mit JVC getroffen. Das ursprüngliche Matsushita-System benutzte einen Abtaster mit direktem Kontakt zur starren Platte.
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Zusammenfassung

Es scheint wahrscheinlich, daß die drei untereinander nicht kompatiblen Systeme zumindest in den frühen achtziger Jahren nebeneinander bestehen, so daß diejenigen, die alle erhältlichen Videoplatten abspielen wollen, zunächst einmal kostspielige Investitionen aufbringen müssen.

Trotz des ständigen Interesses an Videoplatten muß man sich vergegenwärtigen, daß niemand seine Lieblingsvideoplatte so oft ansehen wird, wie er sich sein musikalisches Lieblingsstück anhört, und das kann die Chancen für die weite Verbreitung der Bildplatte beeinträchtigen, die aber für ihren Erfolg unentbehrlich ist.

Trotzdem: Wenn ein breites Spektrum an Software zu vernünftigen Preisen erhältlich sein wird, dürfte es auch einen guten Markt für qualitativ hochwertige Systeme geben. Die Verfügbarkeit geeigneter Software (sowohl Audio wie Video) wird eine entscheidende Rolle in der Entscheidung über Erfolg oder Mißerfolg eines Bildplattensystems spielen.

Die Bildqualität der Videoplatten ist mit Sicherheit der der Videorecorder für Heimgebrauch überlegen. Das teuerste Videoplattensystem (Philips) wird immer noch billiger als jedes Bandsystem (ganz abgesehen von der besseren Bildqualität) und dabei eines der flexibelsten Plattensysteme sein. Das JVC-System bietet die größte Speicherdichte aller Bildplattensysteme.

Die Bildplatte als (möglicher) Datenträger

Es ist interessant, daß Videoplatten nicht länger auf den Heimgerätemarkt beschränkt sind. Videoplatten sind z. B. sehr gut geeignet für die Datenspeicherung in Computern und ähnlich aufgebauten Geräten, und es könnte sein, daß diese Anwendung ein starker Ansporn für die Hersteller ist, generell mehr in die Videoplattenentwicklung zu investieren, da sich ein enormer potentieller Markt bei Geschäftscomputern und anderen Datenspeichern abzeichnet.

Verglichen mit der konventionellen magnetischen Aufzeichnungstechnik für digitale Datenspeicherung bieten die Bildplatten eine größere Bitdichte (mit Speicherkapazitäten von ca. 10 hoch 10 bit pro Plattenseite).

Der Autor dieses "elrad" Artikels ist nicht benannt.
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In 2012 wissen wir es besser:

Die 30cm Bildplatte wurde in Europa ein Flop. Diese große Platte als Datenträger kam auch nie ernsthaft auf den (europäischen) Markt.

Die beschreibbare 12cm CD (für Musik und Daten) und später die 12cm DVD (auch für Musik und Daten und natürlich Videos) hingegen waren handlich genug, um während ihres Lebenszyklus eine nennenswerte Bedeutung zu erlangen.

Es gab jedoch immer wieder Zweifel an der Sicherheit (insbesondere der Langlebigkeit) der Daten bei den beschreibbaren drehenden optischen Medien.

In 2012 ist es klar, die ganzen CD und DVD Derivate, also die drehenden Scheiben samt der Festplatten, sind vorbei. Der USB Stick hat sie alle überholt.

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