Sie sind hier : Startseite →  Die SABA Story→  (9) Die Aufholjagd beginnt

Hermann Brunner-Schwer erzählt in der "Ich"-Form:

Und er erzählt natürlich die historischen Gegebenheiten aus seiner (SABA-) Sicht und mit seinem Wissen. In die einzelnen Geschichten werden jetzt eine Menge zusätzlicher Informationen aus anderen großen Werken glaubwürdiger Autoren eingebaut.

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1953 - "Alle" wollten Fernseher - keine Kühlschränke

Diese Situation traf ich an, als ich mein Büro bei SABA bezog. Kühlschränke standen genug auf Lager. Doch wo waren die Fernsehgeräte, nach denen der Handel schrie? Meine Eltern und ich logierten noch immer in unserem Notquartier.

Immer noch waren unsere Häuser besetzt

Auch acht Jahre nach dem Einmarsch hielten die Franzosen sowohl unser Haus als auch das meiner verstorbenen Großmutter besetzt. Mein Bruder hatte inzwischen geheiratet und lebte mit seiner Familie in einem neuen Haus neben dem Werksgelände. In der Firma spielte er die Rolle des technischen Assistenten meines Stiefvaters.

Die Fabrikgebäude waren leidlich repariert

Die durch den Bombenangriff zerstörten Fabrikgebäude waren inzwischen wieder hergestellt. Aber der Garagenbetrieb der französischen Streitkräfte blockierte nach wie vor einen Teil der vorhandenen Produktionsfläche. Während auf einem dazugekauften Grundstück die Bauarbeiten für die Kühlschrank-Fabrik anliefen, fand die Fertigung der Fernsehgeräte in einem barackenähnlichen Behelfsbau statt. Eine rasche Aufstockung der aufgelegten Stückzahlen war also schon aus räumlichen Gründen nicht möglich. Es sei denn, man hätte auf die Fabriksäle zurückgegriffen, in denen SABAs Rundfunkgeräte noch immer in großen Mengen gebaut wurden. Wir spekulierten aber auf eine baldige Freigabe der beschlagnahmten Räumlichkeiten, um dort dann ein größeres Hießband für die Fernsehgeräte-Fertigung zu installieren.

Als zukünftiger Chef im eigenen Unternehmen

Die ersten Monate meiner praktischen Arbeit verbrachte ich mit dem Studium der innerbetrieblichen Abläufe, eines antiquarisch anmutenden Rechnungswesens und der Vorgänge im Vertrieb. Im übrigen hörte ich zu und beobachtete. Die Herren der Geschäftsleitung begegneten dem frischgebackenen Diplomkaufmann zuvorkommend und ließen sich von mir auch in ihre Karten schauen. Indirekt gaben sie mir aber doch zu verstehen, daß Theorie und Praxis eben nicht ein und dasselbe sind.

Der Vertriebschef hatte Angst und kündigte

Nur der Vertriebschef, Max Rieger, ein in der Branche angesehener Mann, sah in mir den Konkurrenten und fürchtete um seinen Stuhl. Obwohl ich anläßlich seiner 20jährigen Betriebszugehörigkeit die Festansprache hielt und dabei nichts unversucht ließ, seine Zweifel zu zerstreuen, flatterte schon wenige Tage nach dieser Ehrung sein Kündigungsbrief auf den Schreibtisch meines sprachlosen Stiefvaters. Rieger hatte sich von der (dem US-Konzern ITT gehörenden) Firma Schaub-Lorenz abwerben lassen und dort einen Vertrag schon Wochen vor seiner Jubiläumsfeier klammheimlich unterschrieben.

Schock und Enttäuschung saßen tief. Ein so exzellenter Kenner der Materie war nur schwer zu ersetzen. Ich bedauerte Riegers Weggang ganz besonders. Von ihm hätte ich noch eine Menge lernen können. Mich selbst an seine Stelle zu setzen wäre um Jahre zu früh gewesen.

Wir hatten noch unseren Dr. Meyer-Oldenburg

Also sprang wieder einmal Dr. Meyer-Oldenburg in die Bresche. Daß dies keine Dauerlösung sein konnte, wußten wir. Die etwas hochnäsige Art des klugen Akademikers fand bei der hemdsärmeligen Kundschaft wenig Resonanz. Doch die Suche nach einem geeigneten Vollblut-Verkäufer war sehr problematisch.

Die unausweichlichen Spannungen häuften sich

Ich denke an die Zeit im Vorzimmer meines Stiefvaters nicht gerne zurück. Der verunsicherte Firmenchef reagierte auf die leiseste Kritik wie eine Mimose, und ich war es dann, der die Rolle des Blitzableiters zu spielen hatten. Mein Bruder ging unangenehmen Diskussionen aus dem Weg und verschanzte sich meistens in seinem weit vom Schuß gelegenen Büro.

Ich sah die Katastrophe immer näher kommen

So unangenehm es auch für mich war: Ich ließ keine Gelegenheit ungenutzt, um das leidige Kühlschrankproblem auf den Tisch zu bringen. Noch wäre ja Zeit gewesen, das im Bau befindliche Kühlschrankwerk in eine Fernsehgerätefabrik mit ausreichenden Kapazitätsreserven umzuwandeln. Ich dachte auch daran, diese Entscheidung durch einen Gesellschafterbeschluß zu erzwingen.

Unser Dilemma - falschverstandene Rücksichtnahme

Aber die Chancen dafür standen schlecht. Meine Mutter hätte aus Sorge um die unvermeidliche Brüskierung ihres Mannes dagegen gestimmt. Ganz abgesehen davon, daß schon der Antrag, den Ausflug ins Kühlschrankgeschäft zu beenden, zum offenen Bruch zwischen meinem Stiefvater und mir und zu unerträglichen Spannungen innerhalb der Familie geführt hätte. Hier wurde ein für Familienunternehmen typisches Dilemma deutlich: Aus falschverstandener Rücksichtnahme auf das Prestige einzelner und um des lieben Friedens willen wird Sachzwängen ausgewichen und irrational gehandelt.

Die Franzosen gaben uns die Häuser zurück

Endlich räumten die Franzosen das Feld und gaben sowohl die beiden Häuser als auch das in Beschlag genommene Areal der Fabrik frei. Ihre Hinterlassenschaft sah ziemlich übel aus. Alles, was wir nach unserem Rausschmiß hatten liegen und stehen lassen müssen, war entweder weg oder aber nicht mehr zu gebrauchen.

Soetwas kannte man nur von den Russen

Wertvolle Antiquitäten, Möbel, Bilder, Teppiche oder kostbares Geschirr suchten wir vergebens. Die Räume selbst befanden sich in einem erbärmlichen Zustand. Die Renovierung nahm Monate in Anspruch. Die Wohnungen mußten neu eingerichtet werden, und da es keinerlei Entschädigung gab, kostete das alles eine Menge Geld.

Jetzt waren wir beide verheiratet

Schließlich zog mein Bruder mit seiner Familie in die Villa meiner Großmutter. Sie hatte ihm das Anwesen testamentarisch vermacht. Meine Eltern kehrten in ihr angestammtes Haus zurück. Ich selbst aber beschloß, ein wenig auf Distanz zu gehen. Ich heiratete und bezog mein eigenes Haus.

Die Fußball-Weltmeisterschaft 1954 - ein Event

Ein sportliches Ereignis verhalf dem Fernsehen zum endgültigen Durchbruch. Zum erstenmal nach dem Krieg durfte eine deutsche Nationalmannschaft wieder an einer Fußball-Weltmeisterschaft teilnehmen. Das Spektakel fand im Frühsommer 1954 in der Schweiz statt. Was niemand für möglich hielt, trat ein: Die als Außenseiter gehandelten Deutschen erreichten das Finale in Bern und besiegten dort das als unschlagbar geltende Wunderteam Ungarns.

Zur Halbfinale waren Fernseher restlos ausverkauft

Alle Spiele wurden über die Fernsehsender ausgestrahlt. Und mit jedem Sieg der deutschen Kicker schnellte die Nachfrage nach Fernsehgeräten nach oben. Handel und Industrie waren schon zum Zeitpunkt des Halbfinales restlos ausverkauft. In den Geschäften spielten sich turbulente Szenen ab. Man schlug sich beinahe um die letzten noch vorrätigen Empfänger. Die Techniker des Handels legten Sonderschichten ein und installierten Fernsehantennen am laufenden Meter.

Endlich wieder mal eine richtige echte Begeisterung

Die Begeisterung der Bundesdeutschen über die Siege ihrer Elf kannte keine Grenzen. Die Spieler wurden wie Helden gefeiert. Der Empfang der heimkehrenden Weltmeister geriet zu einem Volksfest ohne Gleichen. Wildfremde Menschen fielen sich in die Arme. Endlich war man wieder wer. Dank „König Fußball" schien das angeschlagene Selbstbewußtsein der Deutschen wieder stärker zu werden.

Der Sportkapitän Fritz Walter in Villingen

Als ich Fritz Walter, den legendären Kapitän des Nationalteams, nach Villingen einlud und ihn durch die Fabrik führte, brach die Produktion zusammen. Jeder wollte ihm die Hand schütteln. Jeder bat ihn um ein Autogramm, und der arme Fritz schrieb sich die Finger wund.

Fritz und ich wurden Freunde

Ich habe diesen bescheidenen Mann von Anfang an in mein Herz geschlossen. Er und seine Kameraden waren lupenreine Amateure, und seine Leistungen brachten ihm viel Ehre ein. Doch dabei blieb es. Der Aufbau einer eigenen Existenz fiel dem „Alten Fritz" nicht leicht. Doch das schaffte er nach einigen Enttäuschungen schließlich mit Bravour. Ich half ihm ein bißchen dabei. Und wir sind gute Freunde geworden.

Fritz Walter, ein Beispiel für Fainess

Der Anstand und die Fairness dieses bemerkenswerten Menschen sind oft mißverstanden und als Naivität mißdeutet worden. So begriff man es zum Beispiel nicht, daß er das für die damaligen Verhältnisse lukrative Angebot eines spanischen Clubs ausschlug. Fritz Walter blieb in Kaiserslautern, weil er seinen Verein und die Nationalelf nicht im Stich lassen wollte. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist er heute ein wohlhabender Mann und zählt neben Max Schmeling zu den populärsten Persönlichkeiten der deutschen Sportgeschichte.

SABA hatte den Zug der Zeit nicht erkannt

Die Fernsehlokomotive blieb auch nach dem Fußballboom unter Dampf. Wer von den Herstellern über ausreichende Kapazitäten verfügte, sahnte ab. SABA zählte nicht dazu. Es wurde zwar versucht, den Ausstoß unter Einsatz aller Kräfte und mit Hilfe von Überstunden zu erhöhen. Im Schnelltempo renovierten unsere Betriebshandwerker die von den Franzosen freigegebenen Räume und installierten dort die dringend nötigen Fertigungslinien. Doch Fernseher lassen sich nicht so einfach backen wie frische Brötchen. Hinzu kamen Engpässe der Bildröhren-Lieferanten. SABAs Dispositionen lagen weit unter dem tatsächlichen Bedarf. Jetzt zeigte sich das ganze Ausmaß einer zu ängstlichen Absatzprognose, die das Unternehmen nicht oder nur ungenügend am Aufschwung eines lukrativen Geschäftes teilhaben ließ.

Der belächelte Max Grundig wurde Marktführer

Während sich unsere Konkurrenten, allen voran Max Grundig, hohe Marktanteile sicherten und dicke Gewinne einfuhren, hinkten wir hinterher, und das auch noch mit einem schweren Kühlschrankklops am Bein. Es war zum Verzweifeln.

Unser Liquiditätsproblem war jetzt erkennbar

Wie wichtig für die Zukunft wäre es gewesen, sich jetzt jene Kapitalreserven zu schaffen, die man zur Überbrückung späterer Krisen ohne die Inanspruchnahme fremder Gelder hätte in die Waagschale werfen können.

Bei uns funktionierte das Rundfunkgerätegeschäft noch gut

Unser einziger Trumpf war das nach wie vor gutgehende Rundfunkgerätegeschäft. Es ging aber nur bei uns noch gut. Allgemein stagnierte der Radioabsatz und zeigte hier und dort sogar rückläufige Tendenz. Ein Nachholbedarf, der inzwischen befriedigt war, vor allem aber die Faszination des Fernsehens, kühlten die Nachfrage doch merklich ab. Einmal mehr kam uns das glänzende Image zugute, das sich der Name SABA schon vor dem Krieg erworben hatte. Aber wie lange noch? Radios allein konnten SABA auf die Dauer nicht über Wasser halten. Es galt also, die Gewichte schleunigst zu verlagern, unseren Marktanteil am Fernsehgeräteabsatz zu vergrößern und den Käufer davon zu überzeugen, daß die vielgerühmte „Schwarzwälder Wertarbeit" auch bei der Produktion unserer Fernsehapparate Pate stand.

SABA stand unter enormem Zeitdruck und Zugzwang

Das mußte geschehen, noch bevor sich der Fernsehabsatz einer ersten Sättigungsgrenze nähern und der dann zu erwartende Verdrängungswettbewerb beginnen würde. Doch die Zeit zerrann - während das neue Werk seine Pforten öffnete, um Deutschlands Hausfrauen mit SABA-Kühlschränken zu beglücken.

Langsam bekam ich Angst und damit schwache Nerven

Die latenten Spannungen zwischen meinem Stiefvater und mir sowie unsere unterschiedlichen Meinungen über das wichtige unternehmenspolitische Konzept strapazierten meine Nerven auf unerträgliche Art und Weise. Ich konnte nicht mehr schlafen, und der morgendliche Gang ins Büro wurde zur Qual. Ich begann unter Kreislaufstörungen zu leiden und bekam es schließlich mit der Angst zu tun.

Ich konsultierte unseren alten Hausarzt. Dr. Hässler kannte meine Familie gut. Er hatte schon meine Großeltern behandelt und war meiner Mutter beigestanden, als ich auf die Welt kam.

Unser alter Hausarzt. Dr. Hässler traf ins Schwarze

Der alte Herr nahm sich viel Zeit. Er fragte viel und hörte noch aufmerksamer zu. Seine Diagnose traf ins Schwarze:
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  • „Du bist ein junger Mann, körperlich gesund, doch dein Seelenleben macht mir Sorgen. Medikamente nützen da nichts, helfen kannst du dir nur selbst. Mach dir klar, daß du im Augenblick wenig bewirken kannst, deine Zeit ist noch nicht gekommen. Du mußt Geduld üben und auf Distanz zu den SABA-Problemen gehen. Treib Sport, such dir ein Hobby, bleib keine Stunde länger im Büro als unbedingt erforderlich."

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Seinem Rat folgend änderte ich mein Leben

Ich folgte seinem Rat. Ich machte Waldläufe und begann zu fliegen. Für Deutsche bestand zwar immer noch das von den Alliierten verfügte Flugverbot, doch die Schweiz lag praktisch vor meiner Haustür. Dort war es auch Deutschen gestattet, Flugunterricht zu nehmen und das Pilotenbrevier für Motorflugzeuge zu erwerben.

Fliegen - mein Kindheitstraum

Fliegen - um dieses Erlebnis hatten schon meine Kindheitsträume gekreist. Sie waren zwar während des Kriegs Wirklichkeit geworden, doch waren es keine schönen Erinnerungen. Jetzt aber bot sich mir die Chance für einen Neuanfang, und ich nutzte die mit Begeisterung. Jedes Wochenende verbrachte ich auf dem Züricher Flughafen Kloten und nahm Flugunterricht. Es war die beste Therapie für meine Probleme. Als ich schließlich die Flugprüfung bestanden hatte und allein auf Strecke gehen durfte, sah ich die Welt nicht nur von oben, sondern auch meine beruflichen Sorgen in einem ganz anderen Licht.

Der Fliegerei verdanke ich unzählige Stunden der Freiheit und der Freude. Um nichts in der Welt wollte ich mehr darauf verzichten. Das Fliegen hat mich geformt. Es erzog mich zur Selbstdisziplin. Es lehrte mich, Sorge und Verantwortung gegenüber anderen zu tragen. Drei Atlantikflüge waren die Höhepunkte. Ich habe sie in einem kleinen Buch beschrieben.

1956 - unsere Tochter Karin wurde geboren

Trotz allem brachte das Jahr 1956 für mich noch eine große Freude. Meine Tochter Kathrin wurde geboren.

Ausweitung der Fernsehgeräteproduktion und erste Tonbandgeräte

Eingriffe in die Fertigungsstruktur machten es inzwischen möglich, SABAs Fernsehgerätegeschäft allmählich auszuweiten. Um Platz für mehr Montagelinien zu schaffen, verlagerte man die Teile-Fertigung nach Friedrichshafen. Ganz in der Nähe des dortigen Flugplatzes erwarben wir das ehemalige Werksgelände der Firma Dornier zu sehr günstigen Konditionen - einschließlich einiger Kriegssouvenirs in Form von Fliegerbomben.

Nachdem ein mutiges Feuerwerkerteam die gefährlichen Blindgänger im Boden entschärft hatte, stellten wir im Eiltempo dreistöckige Fertigungshallen auf. In diesem „Werk 3" begann dann auch die Herstellung der inzwischen von den SABA-Ingenieuren entwickelten Tonbandgeräte.

Auch bei den Magnetophonen war Max Grundig Vorreiter

Max Grundig war der erste, der das (bisher nur in den Studios der Rundfunkanstalten verwendete) Magnetophon einem breiteren Publikum zugänglich machte. Er kam mit preiswerten Heimtonbandgeräten auf den Markt und hatte sofort Erfolg.
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So gut wie alle stürzten sich in diesen Tonband-Markt

Die Möglichkeit, Radiosendungen selbst aufzunehmen oder Schallplatten auf Band zu überspielen und damit sein eigenes Programm gestalten zu können, fand so großen Anklang, daß sich auch Grundigs Konkurrenten dieses Geschäft nicht entgehen lassen wollten. Durch einen glücklichen Umstand gelang es uns, einen von Grundigs Tonbandspezialisten zu engagieren. Mit seiner Hilfe kamen wir schnell voran.

SABA Bandgeräte wurden keine Renner

Der Absatz von Tonbandgeräten erreichte allerdings nicht annähernd das Volumen der Umsätze, die mit Radio- und Fernsehapparaten gemacht wurden. Die mit Spulen betriebenen Bandmaschinen forderten eine sorgfältige Bedienung, und wer beim Einfädeln der dünnen Magnetbänder nicht aufpaßte, produzierte Bandsalat. Viele verloren auf Dauer die Lust an der Spielerei und stellten das Ding in die Ecke.

Den eigentlichen Durchbruch erlebte das Tonbandgerät erst Jahre später, als die kleineren und sehr handlichen Kassettengeräte auf den Markt kamen. Mit ihnen eröffneten die Japaner ihren Angriff auf den europäischen Markt.

Dennoch, wir machten immer noch Gewinne bei SABA

Trotz der kostenintensiven Kühlschrankabteilung erzielte SABA Gewinne. Sie waren aber nicht hoch genug, um genügend Fett für magere Jahre anzusammeln. Und mit solchen mußte schon deshalb gerechnet werden, weil der Absatz von Rundfunk- und Fernsehgeräten großen konjunkturbedingten Schwankungen unterlag.

Doch unser Denkansatz stimmte nicht mehr

Im übrigen herrschte bei uns ein ähnliches Denken wie bei vielen Familienbetrieben. Nicht die Maximierung von Gewinnen stand im Vordergrund, sondern der Erhalt des Unternehmens. Allerdings vergaß man dabei,daß das eine mit dem anderen untrennbar verbunden ist. Natürlich wurden niemals irgendwelche Gewinne entnommen, und das war auch richtig so. Aber das, was unter dem Strich übrig blieb, hielt nicht Schritt mit den wachsenden Umsätzen und den Risiken, die sich daraus ergaben.

1957 brachte SABAs Kühlschränken das „Aus"

Deutschlands Kühlschrankhersteller bescherten dem Markt eine Überproduktion, die einen enormen Preisverfall zur Folge hatte. Unsere Lagerhallen quollen über. Mehr als 30.000 der weißlackierten Metallkästen standen herum. Unmöglich, sie auch zu nur annähernd vernünftigen Konditionen an den Mann zu bringen. Der Zeitpunkt war da, noch einmal in den Ring zu steigen und meinen Stiefvater zu beknien, die Übung abzubrechen und die Kühlschrankfabrik zu einer modernen Produktionsstätte für Fernsehgeräte umzurüsten.

Die Überzeugungsarbeit kostete mich sehr viel Kraft

Wochenlang wurde debattiert. Eine Krisensitzung jagte die andere. Jeden Abend begleitete ich Stiefvater Scherb auf seinen langen Spaziergängen und beschwor ihn, über seinen Schatten zu springen und den Mut für eine zwar unpopuläre, aber für das Unternehmen lebenswichtige Entscheidung aufzubringen. Die Gespräche verliefen immer in gereizter Atmosphäre. Immer wieder mußte ich mein ganzes diplomatisches Geschick ins Spiel bringen und dabei meine Nerven behalten. Endlich lenkte er ein. Er begann einzusehen, daß der Entschluß, eine falsche Entscheidung zu korrigieren, sein persönliches Image eher auf- als abwerten würde.

Viele der Maschinen kamen auf den Schrott

Die Aufgabe des Kühlschrankgeschäfts ging reibungsloser über die Bühne, als ursprünglich befürchtet. Weil damals schon Vollbeschäftigung herrschte und wir Mühe hatten, genügend Arbeitskräfte für die Radio- und Fernsehgeräteproduktion zu bekommen, konnte das freiwerdende Personal im wesentlichen weiterbeschäftigt werden. Keine Verwendung gab es natürlich für die Kühlschrankingenieure. Doch diese Spezialisten wurden von anderen Firmen mit Handkuß übernommen. Wir verkauften den Maschinenpark. Fertigungseinrichtungen, die nicht anderweitig sinnvoll genutzt werden konnten, landeten auf dem Schrott.

SABAs Aufholjagd bei den Fernsehern begann

Nur wenige Monate später liefen im ehemaligen Kühlschrankwerk die ersten Fernsehgeräte vom Band. SABAs Techniker hatten ein Meisterstück geleistet und in einem atemberaubenden Tempo eine hochmoderne, großzügig gestaltete Fertigungshalle geschaffen. Endlich besaßen wir auch genügend Kapazitätsreserven, um den wachsenden Anforderungen des Fernsehgerätemarkts auf Jahre hinaus genügen zu können.

Unser Unternehmen war von schwerem Ballast befreit

Ein Aufatmen ging durch das von schwerem Ballast befreite Unternehmen. Kühlschränke bauen zu müssen, das hatte den Sabanesen nie so richtig in den Kram gepaßt. Sie hatten dieses Produkt als eine Art Fremdkörper betrachtet. Sich mit ihm zu identifizieren, war ihnen schwergefallen.

Beruhigt war ich aber dennoch nicht

Und ich selbst? Natürlich fiel mir ein zentnerschwerer Stein vom Herzen. Und dennoch, so ganz beruhigt war ich nicht. Würde das Unternehmen den millionenschweren Substanzverlust ohne nachhaltige Folgen für die Zukunft verdauen können? Ich hatte meine Zweifel. Von der Verkaufsfront wurden schon erste Unruhen auf dem Markt gemeldet.

Die Konkurrenz produzierte auf Teufel komm raus

Die Industrie produzierte auf Teufel komm raus, Nachfrage und Angebot gerieten allmählich aus dem Gleichgewicht. Und die bis dahin stabilen Preise für Fernsehgeräte gerieten ins Wanken. Kein gutes Omen für die Firma SABA mit ihren 4000 Mitarbeitern. Ein böser Verdrängungswettbewerb schien sich anzubahnen. Würden wir dieser Herausforderung mit unseren knapp bemessenen finanziellen Reserven erfolgreich begegnen können? Ich begann mich intensiv mit der Planung von Abwehrmaßnahmen zu beschäftigen. Noch hatte ich Zeit dazu, denn noch stand ich nicht in der vordersten Linie.

1958 - unser Sohn Christof kam zur Welt

Verantwortlich dagegen war ich für die Geburt meines Sohnes Christof. Er kam am Morgen des Fastnachtsmontags zur Welt, an Villingens höchstem Feiertag. Es war 1958. Ich war damals 28 Jahre alt. Das Ereignis wurde bis tief in die Nacht gefeiert. Anderntags besuchte ich Frau und Sohn wieder im Krankenhaus. Beiden ging es prächtig, mir allerdings weniger. Die Folgen der durchzechten Nacht machten mir noch tagelang zu schaffen.

Und Max Grundig mischte den Markt schon wieder auf

Kaum war die Kühlschrankgeschichte ausgestanden, legte Max Grundig der Branche ein neues Ei ins Nest. Mit einem Trick versuchte er, den Absatz seiner Rundfunkgeräte zu forcieren. Grundig versah die Seitenteile seiner Rundfunktischgeräte mit rechteckigen Aussparungen und kaschierte die Löcher mit goldfarbenen Kunststoffgittern, hinter denen zwei zusätzliche Lautsprecher saßen. Dann rührte er die Werbetrommel und pries sich als den Schöpfer des dreidimensionalen Rundfunks, der dem Radiohörer ein völlig neues, Stereotones Klangerlebnis vermitteln würde. Das Manöver bewegte sich am Rande der Legalität, denn natürlich konnte von echter Stereophonie schon deshalb keine Rede sein, weil die Rundfunkanstalten damals noch keine Stereosendungen ausstrahlten. Grundigs Konkurrenten reagierten empört. Man überlegte sich rechtliche Schritte wegen unlauteren Wettbewerbs. Doch ein solches Verfahren hätte bis zu einer gerichtlichen Entscheidung viele Monate gedauert. Bis dahin aber wäre Grundig seinen Mitbewerbern auf- und davongelaufen, zumal das Publikum auf seine 3D-Kampagne hereinfiel und wie wild zu kaufen begann.

Anmerkung : So stimmt das oben gesagte nicht. Blaupunkt hatte den "3D Klang " als erster "erfunden". Und Max Grundig hat es sofort und super erfolgreich als tollen Marketing-Gag für sich vereinnahmt. Von Blaupunkt sprach danach fast keiner mehr.

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Wir mußten (alle) dieses Spiel mitspielen

Es blieb also nichts anderes übrig, als dieses technisch unsinnige Spiel mitzuspielen und Grundig zu kopieren. Die Gefahr, Patente zu verletzen, bestand schon deshalb nicht, weil es keine gab. Zusätzliche Lautsprecher in einem Rundfunkgehäuse anzubringen hätte kein Patentamt der Welt als schutzwürdig bewertet.

Das Problem aber war ein ganz anderes.

Grundigs Donnerschlag kam kurz vor Beginn der Funkausstellung, zu einem Zeitpunkt also, an dem die Hersteller große Mengen neuer Modelle für die Saison bereits vorfabriziert hatten. Was blieb also anderes übrig, als die auf Lager liegenden Apparate wieder auszupacken, die Chassis auszubauen, alle mit echtem Nußbaumfurnier geschmückten Holzgehäuse an den Seitenwänden vorsichtig aufzuschneiden und die aus Thermoplast gespritzten Lautsprecherblenden einzupassen, hinter denen dann zwei kleine Lautsprecher angeschraubt und verdrahtet wurden.

Für soetwas war unsere Logistik überhaupt nicht vorbereitet

Dabei galt es vor allem, enorme organisatorische Hürden zu nehmen. Die Arbeiten mußten praktisch parallel zur normalen Produktion laufen. Da gab es Platzprobleme, und der Fertigungsfluß drohte zu verstopfen. Zumal die zu 3D-Apparaten umgemodelten Empfänger allesamt noch einmal durch die Schlußprüfung laufen mußten. Unsere Leute leisteten eine Sonderschicht nach der anderen. Sie taten das ohne Murren. Jetzt zeigte sich einmal mehr, daß das Betriebsklima bei SABA tatsächlich von außergewöhnlicher Qualität war.

Das soziale Umfeld bei SABA zahlte sich aus

SABAs Stammbelegschaft setzte sich aus langjährigen Mitarbeitern zusammen. Sie fühlten sich mit unserer Firma so eng verbunden, als wäre es ihre eigene. Das von meinem Großvater geschaffene soziale Umfeld existierte auch nach dem Krieg weiter, was in erster Linie meiner Mutter zu verdanken war.

Unsere Mutter war das Herz der Firma

Sie sorgte sich weniger um geschäftliche Belange als vielmehr um das Wohlergehen unserer Mitarbeiter und deren Familien. Das alles klingt beinahe zu edel, um wahr zu sein. Trotzdem, die sozialen Verdienste dieser bescheidenen, von allen geliebten Frau wurden nicht nur geschätzt. Das Gros der Mitarbeiter dankte es ihr durch Firmentreue und einen weit über dem Durchschnitt liegenden Einsatzwillen.

Jede Woche besuchte meine Mutter kranke Mitarbeiter. Sie unterstützte sie mit Geld oder brachte ihnen Lebensmittel. Sie sorgte sich um die Rentner, schickte jedem von ihnen zu Weihnachten ein großes Geschenkpaket nach Hause. Den Kindern bereitete sie unvergeßlich schöne Weihnachtsfeiern. Dazu wurde der große Saal der Villinger Turnhalle festlich geschmückt. Das SABA-Werksorchester spielte, es gab heiße Schokolade und Kuchen in Hülle und Fülle, die SABA-Theatergruppe sorgte mit liebevoll inszenierten Märchenstücken für Unterhaltung, und der Nikolaus beschenkte schließlich jedes Kind mit von meiner Mutter persönlich eingekauften und liebevoll verpackten Spielsachen. Schon viele Wochen vor dem Fest begann sie mit den Vorbereitungen. Täglich stand sie trotz eines chronischen Knieleidens zusammen mit Helferinnen an großen Tischen, Berge von Spielwaren umgaben sie, und immer arbeiteten sie bis tief in die Nacht.

Anmerkung : Auch hier gibt es viele Parallelen zu Max Grundigs Mutter und den beiden BRAUN Brüdern Artur und Erwin und manch anderen Unternehmerfamilien.

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Die Familie der Sabajaner

Und auch die Belegschaft entwickelte viel Eigeninitiative. Sie organisierte sich in Freizeitgruppen, es wurde gemeinsam gewandert, Schach, Volleyball und vor allem Fußball gespielt. Jährlicher Höhepunkt war das SABA-Sportfest mit großer Beteiligung. Ich selbst nahm jedesmal daran teil und kickte auch regelmäßig in unserer Firmenmannschaft mit, die zweimal in der Woche trainierte. Das machte mir nicht nur Spaß. Ich fand so auch den unmittelbaren Kontakt mit einer Reihe von Mitarbeitern. Man kam sich näher im wahrsten Sinne des Wortes, denn im Kampf um den Ball fielen viele Schranken. Genauso wie bei einem Glas Bier nach einem gewonnenen oder verlorenen Spiel.

und unser SABA-Erholungsheim am Bodensee

Natürlich trug auch das SABA-Erholungsheim in Meersburg am Bodensee zu einem guten Betriebsklima bei. Nach dem Krieg hatte meine Mutter die gründliche Renovierung des Ferienheimes selbst in die Hand genommen und betreute es jetzt gemeinsam mit einer Verwalterin in den Sommermonaten.

Eine Anekdote am Rande - über Max Grundig

Apropos Ferienheim. Ende der fünfziger Jahre geschah etwas Merkwürdiges in Villingen. Etwa drei Kilometer westlich von unserem Firmengelände stand in einem engen Schwarzwaldtal ein halbverfallenes Gebäude, Haus Kirneck, ein ehemaliges Sanatorium, das schon in den zwanziger Jahren pleite gegangen war. Das Anwesen lag im Schatten eines bewaldeten Hanges, und da es dort so gut wie kein Sonnenlicht gab, behauptete der Volksmund, daß selbst im Sommer die Schuhe der Gäste zu schimmeln anfingen.

Ausgerechnet dieses Gebäude erwarb Max Grundig als Ferienheim für seine Arbeiter. Er schickte seine Leute also nicht in das vor seiner Haustür liegende bayrische Märchenland, sondern in eine der unattraktivsten Ecken des Schwarzwaldes. Nachdem das Haus einigermaßen wieder hergerichtet war, montierte man auf dem Dach eine riesige Leuchtreklame und taufte das Ganze auf den Vornamen von Max Grundigs damaliger Frau Annelie.

Wie nicht anders zu erwarten, hielten es schon die ersten Grundig-Mitarbeiter abends dort nicht aus und zogen in Villingens Kneipen. Natürlich trafen sie dort auch mit einigen SABA-Leuten zusammen. Man trank das eine oder andere Glas Bier, die Kollegen kamen ins Plaudern. Auf das Grundig-Erholungsheim angesprochen, reagierten die Fürther ziemlich sauer: „Der Max hat den alten Kasten nicht uns zuliebe gekauft, sondern nur um euch zu ärgern. Schade ums Geld."

So schien es sich tatsächlich zu verhalten. Max Grundig hatte da eine für ihn ungewöhnlich irrationale Entscheidung getroffen, die man eigentlich nur als eine Art Drohgebärde gegenüber SABA auslegen konnte. Daß ich mit dieser Vermutung gar nicht so falsch lag, sollte sich zu einem späteren Zeitpunkt leider auf sehr dramatische Art und Weise bewahrheiten.

Am Ende profitierten die Sabajaner

Der „Grundig-Stützpunkt" vor unserer Haustür führte ein Schattendasein. Das Heim zog so wenig Besucher an, daß es schon nach ein paar Jahren wieder stillgelegt werden mußte. Den neu erbauten Tennisplatz nahmen SABA-Sportler in Beschlag. Sie waren so ziemlich die einzigen, die von Grundigs Ausflug in den Schwarzwald profitierten.

Das 125jährige Firmenjubiläum in 1960 kam näher

1960 kam näher und damit auch das 125jährige Firmenjubiläum. Ein Unternehmen, das über eine so große Zeitspanne noch immer im Besitz derselben Familie war - das war schon eine würdige Feier wert. Die Vorbereitungen zogen sich über Monate hin. Im Mittelpunkt der „SABA-Festwochen" stand eine Jubiläumsausstellung, auf der die Geschichte der Firma mit allen Produkten gezeigt werden sollte, die jemals von SABA hergestellt worden waren.

Das Meisterstück meines Schulfreundes Heiner Flaig

Unsere Werbespezialisten, unterstützt von meinem Schulfreund Heiner Flaig, SABAs einfallsreichem PR-Chef, lieferten ein Meisterstück. Sie zogen eine Schau ab, die ihresgleichen suchte. Im Kirchenschiff des ehemaligen Franziskaner-Klosters, von der Stadt damals als Lagerhalle an uns vermietet, entstand ein großzügig konzipierter Pavillon. Das Bauwerk trug die architektonische Handschrift von Donald Brun, dem Altmeister der schweizerischen Gebrauchsgrafik, die in den fünfziger Jahren Epoche machte. Es sollten aber nicht nur SABAs Vergangenheit und Gegenwart präsentiert werden.

Unsere Techniker zeigten auch Zukunftsvisionen zum Anfassen. So zum Beispiel das an die Wand projizierte Fernsehbild in Großformat oder ein drahtlos fernbedientes, aus Phono- und Fernsehkomponenten zusammengesetztes Unterhaltungszentrum.

Zwei Monate dauerte das Spektakel.

Über 40.000 Menschen wanderten durch die Ausstellung, darunter viel Prominenz aus Politik, Film, Fernsehen und Sport. Die Medien berichteten wohlwollend über das Unternehmen, und genau das war es, was wir mit dieser Selbstdarstellung bezweckten. Eine Art Sympathie-Werbung für das Fabrikat, unaufdringlich, aber einprägsamer als die protzigste Reklame.

Wie schon einmal, eine Kindertagesstätte an die Belegschaft

Eigentlicher Höhepunkt des Jubiläumsjahres war die feierliche Übergabe einer neu erbauten Kindertagesstätte an die Belegschaft. Mit dieser Schenkung ging ein Herzenswunsch meiner Mutter in Erfüllung. Ihre Sorge galt den „Schlüsselkindern", den eigentlichen Leidtragenden der Jagd nach Karriere, nach dem Auto, nach einer neuen Wohnungseinrichtung, nach Ferien im sonnigen Süden - den Attributen einer Wohlfahrtsgesellschaft, die sich in voller Entwicklung befand.

Es war die Zeit des Aufbruchs fast um jeden Preis

Die bundesdeutschen Arbeiterfamilien malochten dafür auf Teufel komm raus. Natürlich ging in der Regel nicht nur der Mann zur Arbeit. Auch die Ehefrau verdiente mit, und das bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 44 Stunden. Von den zahllos geleisteten Überstunden gar nicht zu reden. Arbeit war da, mehr als genug. Es herrschte nicht nur Vollbeschäftigung. Die Auftragsbücher quollen über, und man begann bereits sich nach ausländischen Arbeitskräften umzusehen. Und sie kamen, diesmal freiwillig, aus Italien, Spanien, Jugoslawien, der Türkei, sogar aus Frankreich, um am Segen des Wirtschaftswunders teilzuhaben, am schier unglaublichen Aufstieg des deutschen Phönix aus der Asche eines verlorenen Krieges.

Damals nichts Besonderes - die Schlüsselkinder

Bevor es frühmorgens zur Arbeit ging, hängten die Eltern ihren Kindern den Wohnungsschlüssel um den Hals und schickten sie in die Schule. Das Mittagessen nahm man in der Werkskantine ein, während die Kleinen sich zu Hause mit Vorgekochtem zufrieden geben mußten. Nachmittags waren die Kinder meist sich selbst überlassen. Was sie trieben, blieb den Eltern verborgen.

Abhilfe durch den Kindergarten von SABA

Der neue Kindergarten sollte dem Abhilfe schaffen. Das für siebenhunderttausend Mark errichtete Gebäude stand auf einem gartenähnlichen Grundstück in unmittelbarer Nähe des Werks. Das Grundstück war ein Geschenk der Stadt an die Firma. Nicht ganz ohne Selbstzweck allerdings, denn angesichts der überfüllten städtischen Kindergärten kam unsere Initiative sehr gelegen. Die noch nicht schulpflichtigen Kinder wurden vom Vater oder der Mutter vor Arbeitsbeginn der Obhut von Kinderschwestern übergeben, während die Schüler nach dem Unterricht dort verpflegt, beaufsichtigt und bei der Erledigung ihrer Hausaufgaben betreut wurden.

Im Hintergrund taten sich einige Fragen auf

Die Einweihung der Tagesstätte fand viel öffentliches Lob. Die Presse pries SABAs vorbildliche soziale Einstellung und forderte andere Unternehmer zur Nachahmung auf. Das war natürlich leichter gesagt als getan. Wer nämlich rechnete und die zu investiefenden Mittel zusammen mit den Personal- und Unterhalbskosten vor Augen hatte, der mußte sich fragen, ob solche Ausgaben gegenüber seinem in einem harten Konkurrenzkampf stehenden Unternehmen überhaupt vertreten werden konnten. Zwischen der sozialen Verpflichtung des Arbeitgebers und den auferlegten marktwirtschaftlichen Zwängen abzuwägen, vor dieses Dilemma sah sich meine Familie, vor allem aber meine Mutter immer wieder gestellt. Wie ihr Vater empfand sie den Aufstieg des Unternehmens als eine glückliche Fügung, aus der nicht nur wenige ihren Nutzen ziehen durften.

Es gab da schon dunkle Wolken am Horizont

Das soziale Engagement blieb also großgeschrieben, so, wie es vor dem Krieg auch richtig und vertretbar gewesen war. Doch das Glück hatte uns im Bombenhagel des 19. April 1945 verlassen und kehrte nicht wieder zurück. Konnte sich das noch immer an den Kriegsfolgen kränkelnde Unternehmen großzügige Geschenke überhaupt noch leisten? Wäre es nicht wichtiger gewesen, jede erwirtschaftete Mark in die Reserven zu stecken und für den immer gnadenloser werdenden Kampf auf einem riskanten Markt aufzurüsten?

Aber erst mal wurde das alles verdrängt

Aber der Glanz des Jubiläumsjahres verdrängte viele Ängste. Am 2. Oktober 1960 endeten die Feierlichkeiten mit einem großen Festkonzert. Die Stuttgarter Philharmoniker begleiteten die Opernstars Erika Köth und Fritz Wunderlich.

1960 - unsere Tochter Christiane kam auf die Welt

Zur selben Stunde kam meine Tochter Christiane auf die Welt. Otto Ernst Sutter, der Kalendermann und ein alter Freund der Familie, gab ihr den Beinamen Jubilate. Und noch einmal leisteten wir uns ein Jubiläumsgeschenk. Die an die Belegschaft in diesem Jahr ausbezahlten freiwilligen sozialen Leistungen wurden um dreihunderttausend Mark aufgestockt. Sie erreichten damit die stattliche Summe von zwei Millionen.

1960 - Mein Stiefvater Ernst Scherb tritt zurück

Am Ende dieses Jahres erklärte mein Stiefvater seinen Rücktritt von der aktiven Geschäftsführung. In einer Rede anläßlich der in der Vorweihnachtszeit veranstalteten Ehrung der SABA-Jubilare bezeichnete er seinen überraschenden Entschluß als eine Art Positionswechsel und gab bekannt, daß mein Bruder und ich ab sofort als neue Geschäftsführer für das Unternehmen verantwortlich seien. Schon am nächsten Tag räumte er sein Büro und zog sich im Alter von 56 Jahren ins Privatleben zurück.
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Jetzt waren die beiden Erben gefragt und gefordert
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