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Hermann Brunner-Schwer erzählt in der "Ich"-Form:

Und er erzählt natürlich die historischen Gegebenheiten aus seiner (SABA-) Sicht und mit seinem Wissen. In die einzelnen Geschichten werden jetzt eine Menge zusätzlicher Informationen aus anderen großen Werken glaubwürdiger Autoren eingebaut.

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1946 - Zentralabitur und Wiederaufbau

In der Schule vermieden unsere Lehrer inzwischen jede Diskussion über das Dritte Reich, über den Krieg, über die Schuldfrage wie auch über die politische Lage im besetzten Nachkriegsdeutschland. Der Geschichtsunterricht ging bis zur französischen Revolution. Die Entstehung des deutschen Kaiserreiches, der Erste Weltkrieg, die Ereignisse um die Weimarer Republik mit ihrem durch Hitler herbeigeführten Ende, all das stand auf dem Index. Den Lehrkräften kam dieses Stillschweigen sehr gelegen. Es war ihnen angenehm, sich nicht mit einer Vergangenheit auseinandersetzen zu müssen, in die sie selbst verstrickt waren.

Als mit dem Beginn des Schuljahres 1946/47 der Unterricht auch für die Oberstufen des Villinger Gymnasiums wieder aufgenommen werden konnte, ging mein Triberger Gastspiel zu Ende. Aber noch immer stand das Schulhaus unter französischer Beschlagnahme. Also mußte improvisiert und noch für Monate mit ein paar alten Klassenzimmern in den Gebäuden der Knaben- und Mädchenschule Vorlieb genommen werden. Doch immerhin, ich brauchte mich nicht mehr in überfüllte Züge zu quetschen und konnte endlich wieder mit meiner Familie zusammen sein.

Wir sollten "französisiert" werden ....

Lehrer und Schüler mußten sich die Aufsicht durch französische Schuloffiziere gefallen lassen. Oft erschienen diese unangemeldet in den Klassenzimmern, setzten sich in irgendeine Ecke und hörten zu. Es lag dann immer eine gespannte Atmosphäre in der Luft. Die Lehrer bekamen es mit der Angst zu tun und stellten ihre Fragen nur an die besten Schüler, um sich ja nicht zu blamieren.

Für uns und unsere Lehrer neu : Das „Zentralabitur"

Ein für das südbadische Schulwesen zuständiges Kultusministerium gab es zwar inzwischen. Doch mußte man auch dort nach der französischen Pfeife tanzen. Diesem Einfluß verdankten wir auch das sogenannte „Zentralabitur". Dieses nach französischem Vorbild eingeführte Prüfungsverfahren koppelte die Lehrer von ihren Schülern völlig ab. Die schriftlichen Prüfungsaufgaben kamen vom Kultusministerium - ohne Rücksicht auf den Ausbildungsstand, der an den Schulen schon auf Grund des Lehrermangels und zerstörter oder besetzter Schulhäuser große Unterschiede aufwies. Die unter der Aufsicht auswärtiger Lehrer geschriebenen Arbeiten wurden nicht mit dem Namen des Prüflings, sondern nur mit einer Nummer versehen und vom Ministerium erbarmungslos benotet.

1947 - die erste Zentralabitur - Katastrophe

Schon das erste, 1947 abgehaltene Zentralabitur endete mit einer Katastrophe. Es gab erschreckend hohe Durchfallquoten. Lehrer, Schüler und Eltern empörten sich zu recht. Doch das Ministerium oder vielmehr die Franzosen blieben hart. Sie handelten im Sinne der Potsdamer Beschlüsse, nach denen das zukünftige Deutschland auf die Stufe eines Agrarlandes zurückversetzt werden sollte. Wozu also noch eine große Zahl von Akademikern ohne berufliche Perspektiven heranziehen? Ein akademisches Proletariat hätte ja nur den Nährboden für revolutionäres Gedankengut geschaffen. Und eine solche Gefahr wollte man erst gar nicht entstehen lassen.

Wir betrachteten es als Schlachtbank

Der befohlene Ausleseprozeß setzte uns Schüler unter einen enormen Leistungsdruck. Meine Klasse sollte als nächste auf die Schlachtbank geführt werden. Nur ein Jahr blieb uns noch bis zum Abitur. Wir büffelten wie nie zuvor. Doch die Zeit schien uns unter den Fingern zu zerrinnen. Es galt nicht nur den Lehrstoff der Oberprima zu bewältigen. Noch immer mußte vieles nachgeholt werden, was während des Krieges versäumt worden war. Nervosität griff um sich. Einige meiner Mitschüler warfen die Flinte ins Korn. Sie hielten dem Druck nicht mehr stand und kehrten der Schule den Rücken. Ich selbst ertappte mich bei ähnlichen Gedanken und wäre vielleicht auch davongelaufen, hätte mir meine Mutter nicht beigestanden und mir immer wieder Mut gemacht.

Lebensmittel waren rar - viele litten an Hunger

Die miserablen Lebensumstände hielten auch 1947 unvermindert an. Die Lebensmittelrationen fielen noch knapper aus als in den Jahren davor. Viele meiner Klassenkameraden litten unter dem Hunger. Die meisten liefen in erbarmungswürdig aussehenden Klamotten herum und lebten in so beengten Wohnverhältnissen, daß sie gar nicht konzentriert und in Ruhe lernen konnten.

Anfang 1948 - Startschuß zur letzen Runde

Für mich bedeutete der Beginn des Jahres 1948 den Startschuß für die letzte Runde, an deren Ende das Zentralabitur stand. Sechs Monate noch bis zu dieser schier unüberwindlichen Hürde, die all meine Gedanken gefangen nahm. Was um mich herum, bei SABA oder draußen im Land geschah, nahm ich nur noch am Rande wahr. Ich lernte und lernte, oft bis tief in die Nacht.

Die Prüfungen rückten näher - die Nerven lagen blank

In den Wochen vor der Prüfung wurden wir von unseren Lehrern mit einer Art mitleidiger Liebenswürdigkeit behandelt. Sie wußten selbst nicht, wie sie uns bei den letzten Vorbereitungen noch hätten helfen können. Das Kultusministerium hüllte sich in Schweigen. Es gab keinerlei Hinweise auf den ungefähren Inhalt der Aufgaben.

Die schriftlichen Prüfungsarbeiten zogen sich über eine Woche hin. Am ersten Tag mußten wir uns in der Turnhalle des Gymnasiums versammeln, zusammen mit den angereisten Abiturienten der benachbarten Städte. Vom zuständigen Schuloffizier begleitet, erschien der französische Gouverneur und hielt eine Ansprache. Der Auftritt glich einem militärischen Appell, mit dem der gewünschte Ausleseprozeß in Gang gesetzt und die Spreu vom Weizen getrennt werden sollte.

Mein Deutsch-Aufsatz

Die seltsame Ouvertüre trug natürlich nicht gerade dazu bei, unsere Nerven zu beruhigen. Wir fühlten uns wie vor dem Gang auf das Schafott. Schließlich wurden wir auf verschiedene Räume verteilt, weit auseinandergesetzt und von auswärtigen, unbekannten Lehrkräften überwacht. Die Toilette durfte nur in Begleitung einer Aufsichtsperson aufgesucht werden, das Verriegeln der WC-Tür war verboten.

Es begann mit dem Deutsch-Aufsatz. Die Themen befanden sich in versiegelten, mit Nummern versehenen Umschlägen, ebenso das Papier für die Reinschrift. Da ich eigentlich nie Mühe mit dem Schreiben eines ordentlichen Aufsatzes hatte, traute ich mir auch jetzt eine vernünftige Arbeit zu. Doch als ich die zur Auswahl gestellten Themen zu Gesicht bekam, setzte es bei mir aus.

Ich brachte keinen Gedanken mehr zusammen. Ich überlegte krampfhaft, begann schließlich mit einem Thema, blieb stecken und versuchte mich an einem anderen. Die Zeit verrann.

Die Angst des Versagens machte sich breit

Als die Aufsätze eingesammelt wurden, hatte ich mit mir und meinem Abitur bereits abgeschlossen. Was ich da schließlich noch zusammengeschrieben hatte, konnte eigentlich nur mit einem „Ungenügend" beurteilt werden. Wie vor den Kopf geschlagen und völlig verzweifelt rannte ich nach Hause. Ich hatte schon am ersten Tag versagt. In den darauffolgenden Tagen ging ich viel unbeschwerter ans Werk. Was gab es denn noch zu verlieren? Aber es lief plötzlich viel besser! Selbst die verhaßten Mathematikaufgaben löste ich fast fehlerfrei. Doch was half das schon. Ein einziges „Ungenügend" reichte ja bereits, um zur mündlichen Prüfung nicht zugelassen zu werden.

Im Zustand der Ungewissheit über Wochen

Nervenzermürbende Wochen lagen noch vor uns. Der Unterricht ging zwar bis zum Beginn der mündlichen Prüfungen weiter, doch von einer konzentrierten Vorbereitung konnte keine Rede mehr sein. Das Warten auf die Urteilsverkündung wurde immer unerträglicher. Und die kam in Etappen. Das Ministerium benachrichtigte die Schulen über die Ergebnisse ihrer Abiturienten nur von Fall zu Fall. Das hing mit der willkürlich gewählten Numerierung der Prüfungsarbeiten zusammen. So kam es, daß die Durchgefallenen erst nach und nach über ihr Mißgeschick informiert werden konnten. Das geschah in der Regel während des Unterrichts. Dann klopfte es an die Tür des Klassenzimmers, der Schuldiener trat ein, nannte einen Namen und bat den Betreffenden, sich in das Büro des Herrn Direktors zu begeben. Die Lücken auf den Schulbänken wurden immer größer. Über ein Viertel meiner Abiturklasse blieb auf der Strecke.

Als den Übriggebliebenen endlich eröffnet wurde, daß sie das schriftliche Abitur bestanden hätten, und auch ich zu den Glücklichen zählte, fiel mir ein zentnerschwerer Stein vom Herzen. Offenbar hatte meine verkorkste Deutscharbeit doch noch einen gnädigen Richter gefunden.

Ein Aufschrei gegen diese Art der "Auslese"

Bei der Villinger Ausfallquote handelte es sich keineswegs um einen Ausnahmefall. Überall im Südbadischen verzeichneten die Gymnasien ähnliche oder sogar noch schlimmere Resultate. Die Öffentlichkeit reagierte empört.

Die Zeitungen sprachen von Willkür und forderten die Abkehr von einem unzumutbaren Prüfungsverfahren. Unter dem Druck der massiven Proteste verlief unser mündliches Abitur dann weniger rigoros. Keiner fiel mehr durch. Die Tortur hatte uns derart mitgenommen, daß sich keiner richtig freuen konnte.

Was an hochtrabenden Reden während der obligatorischen Abschlußfeier gehalten wurde, das Gefasel von „erlangter Reife" und dem „Schritt hinaus ins Leben", berührte mich nicht.

Während unsere Namen aufgerufen und die Abiturzeugnisse übergeben wurden, dachte ich an meine Kameraden, die dem Nervenkrieg nicht standgehalten und sich in den aufgestellten Fallen verfangen hatten.

Damals gab es keine Geschenke zum Abitur

Es ist üblich, daß die Tochter oder der Sohn einer wohlhabenden Familie nach bestandenem Abitur etwas geschenkt bekommt. Heutzutage ist das in der Regel ein Auto oder ein Motorrad, zumindest aber eine tolle Ferienreise. Nichts von alledem war damals auch nur vorstellbar. Statt nach Florida oder Venedig ging es mit der Eisenbahn nach Stuttgart. Dort sollte ich bald mit einem einjährigen Praktikum bei der Firma Robert Bosch beginnen.

1948/49 - Ein hartes Jahr bei Bosch

Mein Stuttgarter Jahr bei Bosch war hart. Schon die Begleitumstände trugen nicht gerade zu einem angenehmen Leben bei. In der Stadt begegnete man noch immer überall den schweren Zerstörungen, die der Bombenkrieg hinterlassen hatte. Der Wiederaufbau ging nur zögernd voran. Ich hauste in dem winzigen Zimmer einer alten Wohnkaserne am Marienplatz als Untermieter einer Arbeiterfamilie. Die einzige Waschgelegenheit war der Küchentrog, den sich alle Bewohner teilen mußten, genauso wie Herd und Toilette.

Über 22 Wochen morgens ab 4.45 Uhr

Schon um 4.45 Uhr mußte ich aus den Federn. Die immer überfüllte Straßenbahn brauchte eine Stunde bis zur Pforte der Fabrik in Stuttgart-Feuerbach. Arbeitsbeginn war 6.30 Uhr, die wöchentliche Arbeitszeit betrug 48 Stunden.

Mein Praktikum begann mit der Grundausbildung an Schraubstock und Werkzeugmaschinen in der Lehrwerkstatt. 22 Wochen lang stand ich zusammen mit einigen anderen Hochschul-Praktikanten unter der strengen Aufsicht eines bärbeißigen Meisters.

Jeder Praktikant mußte 4 Wochen "durch" die Gießerei

Dann schickte man mich für einen Monat in die Gießerei. Ich arbeitete am Hochofen und an einer mit Preßluft betriebenen Formmaschine, eine heiße, ohrenbetäubende und schmutzige Tortur. Verdammt rauhe Gesellen, diese Gießereiarbeiter. Sie hielten nicht viel von den angehendem Akademikern; und das ließen sie uns bei jeder Gelegenheit spüren.

Anmerkung : Auch der Autor Gert Redlich mußte irgendwann um 1969 in seinem Industrie-Praktikum 4 Wochen Gießerei "machen". Bei uns war es die "Hölle von Eschborn", jedenfalls nannten wir sie so. Inzwischen ist sie schon lange abgerissen - aber vergessen werde ich das auch nicht.

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Damals schon ungeliebt - Akkordbrecher

Um nicht unangenehm aufzufallen, schuftete ich, so hart ich nur konnte. Doch auch das schien den Genossen zu mißfallen. Schon nach wenigen Tagen bekam ich es mit einem von ihnen zu tun. Er packte meinen Arm und fragte mich, ob meine Birne schon einmal mit einem Schraubenschlüssel Bekanntschaft gemacht hätte. Wenn nicht, dann würde er mir dieses Vergnügen gerne bereiten, falls ich nicht auf der Stelle das Tempo zurücknähme. Akkordbrecher stünden auf der Abschußliste ganz vorn.

Harte aber wertvolle Erfahrung für später

Nach Feierabend ging es unter die Dusche. Ein mühsames Unterfangen, denn der Gießereistaub setzte sich überall am Körper fest und war nur mit großer Geduld und dem massiven Einsatz von Kernseife einigermaßen zu beseitigen. Der eingeatmete Dreck aber blieb in den Lungen. Jeden Abend fuhr ich völlig erschlagen und wie gerädert zurück in mein Quartier. Ich begann zu begreifen, was es heißt, sein Brot unter solchen Bedingungen verdienen zu müssen.

„Halt dei Gösch, i schaff beim Bosch"

In den darauffolgenden Monaten durchlief ich fast alle Abteilungen des großen, von Bomben weitgehend verschonten Werkes. Ich lernte die Arbeiten in der Schweißerei, der Härterei, der Modellschreinerei und in der Schmiede kennen. Ich stanzte, half bei der Installation elektrischer Leitungen, montierte Einspritzpumpen für Dieselmotoren am Fließband und wurde schließlich auch in der Teile- und Erzeugnisprüfung eingesetzt.

Bosch war schon damals maßgebender Zulieferant der Kraftfahrzeugindustrie und gut beschäftigt. Es wurde mit typisch schwäbischem Fleiß gearbeitet. Und das zu nach heutigen Begriffen unvorstellbar niedrigen Löhnen. Natürlich gab es eine Anzahl von Betriebsräten, altgediente Gewerkschaftler aus der Zeit vor Hitler. Sie gebärdeten sich zwar kämpferisch, aber sie standen zum Unternehmen, in dem noch immer der Geist seines Gründers Robert Bosch zu spüren war, eines Industriepioniers, der für seine soziale Einstellung geachtet war.

„Halt dei Gösch, i schaff beim Bosch", das hörte ich oft. Daraus sprach ein gewisser Stolz auf diese Firma, die sich auf dem Weg zu einem der führenden Unternehmen Europas befand.

Für mich unbezahlbar - dieses Jahr "Fabrikerlebnis"

Ich hatte viel gelernt in diesem Jahr. Vor allem aber war es das Fabrikerlebnis selbst und der hautnahe Kontakt mit vielen Arbeitern und ihrem Umfeld, was mich stark beeindruckte. Mein späteres Verhalten gegenüber der SABA-Belegschaft, viele meiner personalpolitischen Entscheidungen und der Umgang mit den Vertretern der Arbeiter wurden durch diese Erfahrung beeinflußt. Unnötige Spannungen, Ungerechtigkeiten oder Streiks konnten dadurch oft vermieden werden. Das Jahr bei Bosch erwies sich jedenfalls als wichtig. Es war sogar noch wichtiger, als das Studium das sich daran anschloß.

Weiter ging es an der Technischen Hochschule in Stuttgart

Als meine Praktikantenzeit zu Ende ging, schrieb ich mich an der Technischen Hochschule in Stuttgart ein und begann (in den immer überfüllten Hörsälen) mit Betriebswirtschaft. Die Studenten gehörten den unterschiedlichsten Altersklassen an. Es befanden sich Jahrgänge darunter, die noch vor dem Krieg ihr Abitur gemacht hatten, dann aber zur Wehrmacht eingezogen worden waren, in Gefangenschaft gerieten und erst drei Jahre nach dem Ende des Krieges wieder in ihre Heimat zurückgekehrt waren.

Wir hatten kein fröhliches Studentenleben

Die Unterbrechung von zehn und mehr Jahren machte den Kriegsveteranen schwer zu schaffen. Sie hatten Mühe, sich in den Studienalltag einzuordnen. Viele von ihnen waren verheiratet und lebten von dem wenigen Geld, das ihre arbeitenden Frauen nach Hause brachten. Andere wiederum mußten zunächst noch ihr Abitur nachholen, weil das während des Krieges übliche Notabitur für den Beginn eines Universitäts- oder Hochschulstudiums nicht ausreichte. Ein fröhliches Studentenleben fand jedenfalls nicht statt damals, als ich erwartungsvoll das erste Semester in Angriff nahm.

Weiterführendes Studium in München

Nach zwei Semestern verließ ich Stuttgart, um mein Studium an der Universität München zu beenden. Ich fand ein Zimmer in einer kleinen Pension und kam mit meinem Monatswechsel von 300 Mark so gerade über die Runden. Zum Bummeln war mir nicht zumute. Ich arbeitete viel und wollte so schnell wie möglich zum Abschluß kommen.

Mein Studium - insgesamt unbefriedigend

Das Studium befriedigte mich nicht. Je weiter ich vorankam, umso mehr wurde mir klar, daß der Lehrstoff als Vorbereitung auf meine späteren Aufgaben bei SABA nicht ausreichte. Volks- wie Betriebswirtschaftslehre machten auf mich den Eindruck einer hochstilisierten Sammlung theoretischer Ergüsse. Ich vermißte bei fast allen Vorlesungen den Bezug zur industriellen Praxis. Von gelegentlichen Betriebsbesichtigungen abgesehen konnte keiner meiner Professoren von sich behaupten, Erfahrungen vor Ort und über einen längeren Zeitraum gemacht zu haben. Sicher, es gab einige mehr fachtechnisch orientierte Fächer wie Buchhaltung und Bilanzierung, Kalkulation und Preispolitik, Erfolgsrechnung oder Werbung. Dazu hätte ich aber keine Universität besuchen müssen. Eine Lehre als Bank- oder Industriekaufmann wäre da viel nützlicher gewesen.

Eine unerwartete Chance - 6 Monate ab ins Ausland

Inzwischen hat sich an den Hochschulen und Universitäten allerdings ein Wandel vollzogen. Man mißt der Betriebswissenschaft als der Lehre von der industriellen Betriebsführung eine wesentlich größere Bedeutung bei als zu meiner Zeit. Doch auch diese Ausbildung stellt nur einen theoretischen Unterbau dar. Wer in das Management eines Industrieunternehmens will, kann auch heute auf praktische Lehr- und Wanderjahre nicht verzichten.

Obwohl ich mein Studium im Schnellgang absolvieren wollte, kam es zu einer Unterbrechung von einem halben Jahr: Ich bekam die Chance, an zwei Reisen teilzunehmen, von denen ein Student damals nur träumen konnte. Indien war das erste Reiseziel, das andere die Vereinigten Staaten von Amerika.

Indien und Amerika -
Das ist eine eigene Geschichte .....

.... und kommt auf einer eigene Seite - später.

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Zurück nach München ins Jahr 1952

In München nahm das beginnende Wirtschaftswunder sichtbare Konturen an. Die durch Kriegsschäden noch immer schwer gezeichnete Stadt glich einer riesigen Baustelle. Der Straßenverkehr schien täglich dichter zu werden, und es gab bereits eine beachtliche Zahl von gutverdienenden Bundesbürgern, die mit stolzgeschwellter Brust in ihren neuen Autos durch die Gegend fuhren. Die Restaurants machten glänzende Geschäfte, eine „Freßwelle" rollte über das Land. Die Westdeutschen holten nach, was ihnen über viele Jahre vorenthalten geblieben war, und schlugen sich die Bäuche voll. Die Ärzte bekamen es mit einer neuen Kundschaft zu tun: Übergewichtige mit Herz- und Kreislaufproblemen.

300 Mark zum Leben (pro Monat)

Obwohl es inzwischen auch in Villingen wieder bergauf ging und SABA trotz der Kühlschrankprobleme schwarze Zahlen schrieb, hielt mich meine Mutter an der kurzen Leine. Noch immer mußte ich meinen Haushalt mit 300 Mark pro Monat bestreiten. Umso willkommener war das Angebot einer Schwabinger Kneipe, mich als Klavierspieler zu engagieren. Gage: 20 Mark für jeweils vier Stunden, Essen und Getränke frei. Ich konnte mich freilich nicht als guten Pianisten bezeichnen und hämmerte die gängigsten Schlager allesamt in C-Dur herunter. Doch erstaunlicherweise kam das bei den Gästen an.

Die Traumfrau meiner kurzen Nächte ....

Abendlicher Höhepunkt war der Besuch eines bildhübschen Blumenmädchens. Bevor sie ihre Rosen an den Mann brachte, sang sie das Lied von der „Schwabinger Laterne", ein sentimentaler Hit, der die bierseligen Gäste nicht selten zu Tränen rührte. Sie wurde zur Traumfrau meiner kurzen Nächte. Doch außer einem hinreißenden Lächeln hatte sie für ihren musikalischen Begleiter leider gar nichts übrig. Viel mehr dagegen für wohlbetuchte Herren. Sie kauften die Rosen der Dame auf einen Schwung und fuhren mit ihr in ihren Straßenkreuzern davon.

.... dann doch zu den Akten gelegt

„Mußt Dir halt einen flotten Sportwagen zulegen", meinte die Wirtin einmal, „dann haut's vielleicht hin." Um eine Lebenserfahrung reicher, strich ich ein Lied aus meinem Repertoire. Es hieß: „Man müßte Klavier spielen können, wer Klavier spielt, hat Glück bei den Frau'n." Und mit diesem hilflosen Racheakt legte ich das schöne Blumenmädchen zu den Akten.

Noch sechs Monate bis zum Staatsexamen

Anfang 1953 begann die heiße Phase meiner Studienzeit. Nur noch sechs Monate bis zum Staatsexamen. Ich hing meine Musikerkarriere an den Nagel und ging in den Endspurt. Einen Durchfaller durfte ich mir auf keinen Fall erlauben. Wie würde man sich in Villingen den Mund zerreißen, sollte der SABA-Junior auf die Nase fallen! Die meisten meiner Kollegen arbeiteten genauso hart, wenn auch mit einer anderen Motivation. Für sie galt es, ein gutes Examen zu machen und am Wirtschaftswunder teilzuhaben. Von nichts anderem war die Rede.

Die Suche nach einer "nützlichen" Diplomarbeit

Es gab wahrscheinlich keine unpolitischere Studentengeneration als die damalige. Man wollte sich nicht noch einmal von großsprecherischen Politikern mißbrauchen lassen. Das nationale Bewußtsein existierte nicht mehr. Es lag unter den bösen Erinnerungen an die jüngste deutsche Vergangenheit begraben.

Natürlich lag nichts näher, als das Thema für meine Diplomarbeit im eigenen Haus zu suchen. Hier hatte ich Zugriff zu jeder gewünschten Information, konnte mir Zahlenmaterial, Statistiken oder Kalkulationen geben lassen und erhielt fundierte Antworten auf alle meine Fragen. Ein Vorteil, um den mich meine Studienkollegen beneideten. Sie hatten es ungleich schwerer, sich über die betriebswirtschaftliche Praxis eines Industrieunternehmens vor Ort zu informieren.
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Thema : Kühlschrank-Geschäft - ja oder nein

Meine Arbeit befaßte sich mit der Frage, ob sich die Entscheidung, in das Kühlschrank-Geschäft einzusteigen, wirtschaftlich rechtfertigen ließ. Und ob es tatsächlich richtig war, diesen Geschäftszweig in ein Unternehmen einzubringen, das auf die Herstellung von Rundfunkgeräten spezialisiert war. Ich hatte da von Anfang an Zweifel gehabt und ging deshalb daran, eine Analyse zu erarbeiten, so wie sie eigentlich als Entscheidungshilfe hätte erstellt werden müssen, bevor man sich auf Kühlschränke einließ.

Mein Verdacht bestätigt - eine fatale Entscheidung

Das Ergebnis der Untersuchung bestätigte meinen Verdacht. Die im administrativen und vertrieblichen Bereich erzielten Synergie-Effekte gingen durch die überproportional hohen indirekten Kosten im Kühlschrankbereich nicht nur verloren. Sie beeinträchtigten auch die Rentabilität des Radiosektors. Oder ganz einfach ausgedrückt: Bei SABA wurde der Kühlschrank durch das Rundfunkgerät subventioniert.

Es gab drei Möglichkeiten, sich aus dieser alarmierenden Lage zu befreien. Anheben der Kühlschrankpreise wäre die eine gewesen, doch das ließ der Wettbewerb genau so wenig zu wie die zweite Alternative, nämlich eine drastische Erhöhung der Stückzahlen bei gleichbleibenden Fixkosten. Bliebe am Ende also nur der schnelle Rückzug aus einem Geschäft, das dem Unternehmen nicht die erhoffte Risikobeschränkung bescherte, sondern genau das Gegenteil.

Kein Einsehen bei der Familie - im Gegenteil

Als ich versuchte, meine Schlußfolgerungen im Familienkreis vorsichtig darzulegen, trat ich böse ins Fettnäpfchen. Grau ist alle Theorie, wurde mit entgegengehalten und natürlich auch das Beispiel meines Großvaters, der niemals ein erfolgreicher Unternehmer geworden wäre, hätte er die Flinte zu früh ins Korn geworfen. Schluß machen käme überhaupt nicht in Frage, im Gegenteil, die Pläne für eine neue, hochmoderne Kühlschrankfabrik seien bereits fertig, und der Baubeginn stünde unmittelbar bevor.

„Um Gottes willen", entgegnete ich aufgebracht, „wenn schon viel Geld investieren, dann doch nur, um geeignete Produktionsanlagen für den Bau von Fernsehgeräten zu schaffen! Im Fernsehen liegt SABAs Zukunft, damit können wir die Existenz des Unternehmens auf Jahrzehnte hinaus sichern und nicht mit diesen verdammten Kühlschränken!"

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