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Hermann Brunner-Schwer erzählt in der "Ich"-Form:

Und er erzählt natürlich die historischen Gegebenheiten aus seiner (SABA-) Sicht und mit seinem Wissen. In die einzelnen Geschichten werden jetzt eine Menge zusätzlicher Informationen aus anderen großen Werken glaubwürdiger Autoren eingebaut.

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SABA - der größte Arbeitgeber der Region

SABA schien zu Beginn der 30er Jahre der einzige Silberstreifen am düsteren Horizont der einheimischen Wirtschaft zu sein. Das Unternehmen florierte und entwickelte sich zum größten Arbeitgeber der Region. Hermann Schwers unternehmerischer Weitblick, seine Stand-haftigkeit, gepaart mit einer gehörigen Portion Mut zum Risiko, hatten sich ausbezahlt.

1933 bereits 5 Milionen Radiohörer

Ungeachtet eines krisengeschüttelten Umfeldes entwickelte sich das Radio zum Lieblingskind der Nation. Die Zahl der Rundfunkteilnehmer nahm sprunghaft zu. 1933 waren es schon fünf Millionen. Auf dem Markt fanden SABAs Produkte eine so gute Aufnahme, daß Hermann Schwer bald zu den führenden Radiofabrikanten in Deutschland zählte. Als man auch im europäischen Ausland Interesse zeigte, erweiterte SABA das Vertriebsnetz und begann mit dem Export. Oft überstieg die in- und ausländische Nachfrage die Kapazitätsgrenze des Werkes. Dann wurden die Geräte nicht mehr eigentlich verkauft, sondern verteilt.

SABA im steilen Aufwärtsgang

Das Unternehmen meldete nicht nur ständig steigende Umsätze. Auch die Gewinne erreichten Dimensionen, von denen niemand jemals zu träumen gewagt hätte. Zu Preiskämpfen gab der aufnahmebereite Markt noch keinerlei Anlaß. Ein Preis- und Rabattkartell sorgte für Disziplin. Suchte ein Hersteller sich durch Preisnachlässe einen Vorteil im Wettbewerb zu schaffen, drohte ihm der Entzug der Produktionslizenz. (Siehe hier Infos über das Kartel des Verbandes mit den Telefunken Lizenzen.) Einheitliche Lohntarife gab es nicht, und da man im Schwarzwald niedrigere Löhne bezahlte als anderswo, kam auch diese Tatsache SABAs Gewinnen zugute.

Großvater war der Vater der Firma

Trotz der Freude über die Wende vom vermeintlichen Bankrott zum strahlenden Erfolg seines Unternehmens hielt Hermann Schwer an seinen Lebensgewohnheiten fest. Er blieb bescheiden. Weder seine Wesensart noch sein Auftreten entsprachen den Vorstellungen, die man sich in der Öffentlichkeit allgemein von einem Industriekapitän machte. Keine Rede von knallhartem Geschäftsdenken, von Raffgier, Geltungssucht, protziger Angabe oder Rücksichtslosigkeit.

Im Gegenteil, mein Großvater war ein warmherziger, gütiger Mensch, von seinen Mitarbeitern geliebt und verehrt. Ihnen galt seine Fürsorge. Er sprach nicht nur von sozialer Verantwortung, er handelte auch danach.

Soziales Engagement von ganz oben

SABA gründete als eines der ersten Unternehmen eine Altersversorgung für Arbeiter und Angestellte. Vielen Mitarbeitern wurde der Bau oder der Kauf eines Hauses möglich gemacht. Sie erhielten langfristige Darlehen, zinslos, mit einer am Einkommen orientierten Tilgung. Hermann Schwer kümmerte sich persönlich um die Probleme der Belegschaftsangehörigen, half ihnen und ihren Familien. Er stiftete eine reichhaltige Werksbibliothek. In der Adventszeit lud er die Kinder aller seiner Mitarbeiter zu einer großen Weihnachtsfeier ein, bei der es eine Theateraufführung, Musik, Schokolade, Kuchen und viele Geschenke gab. Zu jedem Jahresende gab es eine Gratifikation. Für jeden.

Ein Ferien-Traum am Bodensee

Als sich mein Großvater einen alten Traum erfüllte und ein Ferienhaus in Meersburg am Bodensee erwarb, ließ er auf dem benachbarten Grundstück ein komfortables Erholungsheim errichten, das allen "Sabanesen" offen stand. An- und Abreise, Übernachtung und Frühstück waren frei. Mit einer großzügigen Spende verhalf er den Meersburgern zu einem neuen Strandbad, seiner Heimatstadt Triberg stifete er ein Heimatmuseum. Man bedankte sich mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde und benannte Straßen nach ihm.

Über unsere Oma Johanna

Im Gegensatz zu ihrem Mann war Hermann Schwers Frau Johanna ein eher geltungsbedürftiger, manchmal auch herrschsüchtiger Mensch. Als mit SABAs Blüte der Wohlstand kam, verwandelte sich die Schwarzwälder Bürgersfrau in eine Dame von Welt. Doch ohne neureiches Gehabe. Sie wußte um die gebotene Verhältnismäßigkeit. Vor allem aber hatte sie Geschmack.

Als Erzieherin bei adligen Familien

Noch als blutjunges Mädchen und lange bevor sie Hermann Schwer ihr Ja-Wort gab, war sie zum Mißfallen ihrer Familie nach Frankreich und Polen gereist. Sie arbeitete als Erzieherin bei adligen Familien und kam so mit dem Leben der gesellschaftlichen Elite von damals in Berührung. Einfluß und Reichtum, Stil und Kultur der Noblen formten sich zu einem Leitbild, das sie sich auch nach der Rückkehr in die bäuerlich-bürgerliche Enge des Schwarzwaldes bewahrte.

Und dennoch gab es auch geheime Träume

Hermann Schwer wußte von den geheimen Träumen seiner Frau. Er ließ sie machen. Das neben der Fabrik liegende Wohnhaus wurde zur Villa (Anmerkung : Das Haus wurde später "Villa Millionenschwer" genannt.), die mit erlesenen Möbeln, Bildern und Teppichen ausstaffiert war. Zum Personal gehörte die Köchin, das Dienstmädchen, zwei Gärtner und der Chauffeur. Für die Ausfahrten stand eine große Horch-Limousine jederzeit bereit. Meine Großmutter umgab sich gerne mit interessanten Menschen. Sie war überhaupt eine überaus gastfreundliche und großzügige Frau. Künstler zählten zu ihrem bevorzugten Besucherkreis. Sie förderte Maler, Bildhauer, Musiker, Schriftsteller, und nicht wenige von ihnen hielten sich nur dank ihrer Hilfe über Wasser.

Opa Schwer war dem Max Grundig sehr sehr ähnlich

Hermann Schwer ging gesellschaftlichen Anlässen aus dem Weg. Wenn er nach Hause kam, zog er sich meistens in seine Bibliothek zurück und las oft bis tief in die Nacht. Seine ganze Liebe galt der Tochter Margarethe (unserer Mutter), dem einzigen Kind der Familie. Sie war ihm im Wesen und Charakter sehr viel ähnlicher als ihrer Mutter. Sie liebte ihn abgöttisch und litt sehr unter seiner langen Abwesenheit während des Krieges.

Tochter Margarethe kam in die Erziehungsanstalt der Ordensfrauen

Oma Johanna Schwer strebte eine standesgemäße Erziehung ihres Kindes an. Bildung, Benehmen und äußerliche Erscheinung sollten dem Idealbild einer Mademoiselle aus vornehmem Hause entsprechen. Vater und Tochter sahen das zwar nicht so, aber die Mutter setzte ihren Willen durch. Margarethe mußte die Geborgenheit ihres Elternhauses verlassen und kam im Alter von 14 Jahren in die Erziehungsanstalt der Ordensfrauen vom Heiligsten Herzen Jesu zu Riedenburg im österreichischen Vorarlberg. Im Reglement des Klosters hieß es: „ Die Ordensfrauen wollen die ihnen anvertrauten Zöglinge zu charaktervollen Christinnen erziehen, ihren Geist durch gediegenen Unterricht allseitig bilden, sie an Arbeitssamkeit, Ordnung, Sparsamkeit, stete Pflichterfüllung und edle Umgangsformen gewöhnen."

Meine Mutter erzählte mir oft von dieser asketischen Zeit. Es war ihr sehr schwer gefallen, sich der strengen Disziplin des Klosteralltags unterzuordnen. Sie hatte aber auch gelernt, mit dem Heimweh zu leben, auf viele Annehmlichkeiten zu verzichten und sich einer Gemeinschaft unterzuordnen.

Unsere Mutter Margarete, eine heiratsfähige junge Dame

Besser dagegen war die Zeit in einem vornehmen Mädchenpensionat, das sie im Anschluß an die Klosterschule besuchte. Wohlerzogen und mit gesellschaftsfähigen Manieren vertraut, kehrte sie als heiratsfähige junge Dame in das Elternhaus zurück.

Eigentlich wäre es sehr viel sinnvoller gewesen, meiner Mutter als dem einzigen Kind einer Unternehmerfamilie eine möglichst umfassende betriebswirtschaftliche, zumindest aber eine solide kaufmännische Ausbildung mit auf den Weg zu geben. Immerhin war damit zu rechnen, daß sie irgendwann einmal, spätestens aber als Erbin mit dem Unternehmen konfrontiert werden würde. Doch schon die Vorstellung, die Leitung eines Fabrikbetriebes einer Frau anzuvertrauen, war damals absurd.

Fritz Brunner aus Nürnberg, unser Vater

Anfangs der 20er Jahre verschlug es einen Musiker in den Schwarzwald, der gerade sein Studium beendet hatte. Seine Eltern besaßen ein kleines Tabakgeschäft in Nürnberg und hielten ihren Sohn für so begabt, daß sie ihm den Besuch eines Konservatoriums ermöglichten. Als in Villingen die Stelle eines Musikdirektors ausgeschrieben wurde, bewarb er sich und hatte Glück. Sein Name: Fritz Brunner. Er sollte mein Vater werden.

Fritz Brunner dirigierte ein Konzert

Bei einem Konzert wurde Fritz Brunner meiner Großmutter vorgestellt. Sie mochte den jungen Künstler und beschloß, ihn zu fördern. Was dann weiter geschah, hätte ein dankbares Thema für einen Drei-Groschen-Roman abgegeben. Die Tochter verliebte sich in den Dirigenten, die Mutter sah es mit Wohlgefallen, und die Verlobung ließ nicht lange auf sich warten. Fritz Brunner hing seine Musikerkarriere an den Nagel und nahm das Angebot seines zukünftigen Schwiegervaters an, eine kaufmännische Aufgabe im Hause SABA zu übernehmen. Der Grund für diese Entscheidung kann nur emotionelles Wunschdenken gewesen sein.

Die Zeit der Neider fing an

Der Schwiegersohn eines Firmeninhabers hat es immer schwer, sich im eingeheirateten Unternehmen durchzusetzen und zu behaupten. Da gibt es Mitarbeiter genug, vor allem jene in den höheren Etagen, die ihn als Mitgiftjäger ansehen. Gelingt es dem Kronprinzen nicht, sich durch seine Leistung und Persönlichkeit Respekt zu verschaffen, so ist er einzig und allein vom Wohlwollen seines Schwiegervaters abhängig.

Und dann noch einen strengen Schwiegervater

Im Falle meines Vaters standen die Vorzeichen für eine erfolgreiche SABA-Laufbahn besonders schlecht. Er besaß weder kaufmännische noch technische Kenntnisse. Er kannte weder den Markt noch das Produkt und hatte noch nie einen Industriebetrieb von innen gesehen. Dieses Defizit sollte nun im Schnellverfahren beseitigt werden.

Unser Vater - als Erwachsener zur Lehre nach England

Man schickte Fritz Brunner für ein Jahr nach England, damit er sich beim dortigen SABA-Vertreter mit der neuen Materie vertraut machen konnte. Er kehrte zwar mit guten englischen Sprachkenntnissen zurück, doch war aus dem Musiker noch lange kein Industriekaufmann geworden. Mit seinem im Ausland erworbenen Fachwissen trat mein Vater nach der Hochzeit in das Unternehmen ein. Doch welche Position er dort bekleidete und was er wirklich tat, konnte ich nie erfahren.

1927 - Hans Georg und ich, die Erben, wurden geboren

1927 kam mein Bruder, zwei Jahre später ich auf die Welt. Es galt schon von Anfang an als beschlossene Sache, daß auf uns einmal Besitz und Führung der SABA-Werke übertragen werden sollten. Großvater Schwer ließ wenige Meter neben seinem eigenen ein zweites Haus bauen, in das die junge Familie einzog.

Anfänglich eine ganz normale Ehe bis zum Skandal

Konflikte soll es in den ersten Ehejahren meiner Eltern kaum gegeben haben. Mein Vater schien sich ganz ordentlich zu benehmen. Nicht sehr lange allerdings. Allmählich begann er, sich Freiheiten herauszunehmen, vergaß aber leider dabei, daß er dies nicht mehr ganz so unbeobachtet tun konnte wie früher als Künstler. Er bandelte mit der einen oder anderen Sekretärin an, und der Skandal war da.
Meine Mutter litt sehr in diesen Monaten, und der Gewissenskonflikt war groß. Als streng katholisch erzogene Frau empfand sie schon den Gedanken an eine Scheidung und an die damit verbundene Exkommunikation als unerträglich. Trotzdem mußte sie handeln, nicht nur aus ihrer persönlichen Enttäuschung heraus, sondern auch allein aufgrund der Tatsache, daß die Mitarbeit ihres Mannes im elterlichen Unternehmen durch nichts mehr zu rechtfertigen war.

Vaters Überreaktion und der Bruch

Sehr schlimm, ja geradezu unverzeihlich war die Reaktion meines Vaters. Als meine Mutter nach langer Bedenkzeit die Scheidung einreichte, machte er seine Zustimmung von einer Abfindung abhängig und verscherzte sich damit auch die allerletzten Sympathien. Der Bruch war endgültig. Mein Vater kassierte eine Menge Geld und unterschrieb dafür nicht nur die Scheidungsvereinbarung, sondern er verpflichtete sich auch, auf jeglichen Kontakt mit seinen Söhnen ein für allemal zu verzichten. Als reicher Mann packte er seine Koffer, nahm sich eine feudale Atelierwohnung in München und genoß seine Freiheit. Der Wohlstand allerdings hielt nicht lange an. Als das Geld zur Neige ging, kaufte er sich mit dem Rest ein Kino und verheiratete sich wieder.

Ich war damals knapp fünf Jahre alt

An mir ging die Familientragödie vorbei. Ich bemerkte nichts davon. Ich war damals knapp fünf Jahre alt und noch gar nicht in der Lage, die Vorgänge bewußt wahrzunehmen. Vermißt habe ich meinen Vater nie. Als ich älter wurde und allmählich erfuhr, was geschehen war, bedauerte ich meine Mutter so sehr, wie ich meinen Vater verachtete. Doch das verlor sich mit der Zeit. Fritz Brunner war und blieb für mich ein Fremder.

Rückblick nach 1945 in München

Viele Jahre später, nach dem Krieg, als ich in München studierte, sollte ich meinen Vater aber doch noch einmal treffen. Er hatte meine Adresse herausgefunden und mir einen Brief geschrieben. Wir verabredeten uns in einem Restaurant. Als ich das Lokal betrat, kam jemand auf mich zu, dessen Gesicht mich an alte Photographien erinnerte, die mir meine Mutter einmal gezeigt hatte.

Er war es - mein Vater. Vor mir stand ein alter, völlig gebrochener Mann. Stundenlang redete er auf mich ein und versuchte mit weinerlicher Stimme seine Handlungsweise von damals zu rechtfertigen. Die Situation war peinlich, beinahe schon entwürdigend, und ich schämte mich für ihn. Ich sah ihn nie wieder. Als er starb, schickte mir seine Frau ein Telegramm. Zu seiner Beerdigung ging ich nicht.

Unsere Mutter konnte das Fehlen das Vaters ausgleichen

Auch ohne Vater fehlte es uns Kindern nie an Liebe, Fürsorge und Geborgenheit. Wir hatten eine unbeschwerte Kindheit, für die unsere Mutter, die Großeltern, die Kinderschwester und der Hauslehrer sorgten.

1936 - Als unser Opa starb

Doch dann starb mein Großvater. Er erlag im Sommer 1936 in seinem Ferienhaus am Bodensee einem Herzversagen, noch keine 60 Jahre alt. Schon seit langem hatten ihn Herzbeschwerden geplagt, die Folge zu großer Belastungen, von Überarbeitung und Sorgen. Für meine Mutter brach eine Welt zusammen. Sie hatte ihren Vater wie keinen anderen Menschen auf der Welt geliebt, bei ihm hatte sie immer Zuflucht, Trost und Schutz gefunden.

Mit meinen damals knapp sechs Jahren konnte ich die Tragweite des Geschehens nicht begreifen. Ich spürte aber, daß etwas Schreckliches geschehen war. Der Anblick eines toten Menschen ängstigte mich so sehr wie die Tränen meiner Mutter und die plötzliche Stille im Haus.

Der Mäzen war gestorben

Die Todesnachricht löste überall, vor allem aber bei der Belegschaft des Unternehmens tiefe Betroffenheit aus. Es dürfte selten einen Fabrikanten gegeben haben, der bei seinen Arbeitern und Angestellten so beliebt und geachtet war. Als am Abend des Todestages die Leiche nach Villingen überführt wurde, standen sie an der Straße, schweigend, mit brennenden Fackeln in der Hand. Hermann Schwer wurde in einer der Werkshallen aufgebahrt. Tag und Nacht hielten Werksangehörige die Totenwache.

Aus allen Teilen Deutschlands und Europas reisten die Trauergäste an. Geschäftsleute, Werksvertreter, Händler, Lieferanten, Konkurrenten, Prominenz aus Politik und Wirtschaft. Alle wollten meinem Großvater die letzte Ehre erweisen. Zu Tausenden drängten sich die Menschen auf dem Friedhof, ein Berg von Kränzen türmte sich über dem Grab, und die Ansprachen schienen kein Ende zu nehmen.

Ein kurzes und knappes Testament

Opa Hermann Schwers Testament bestand aus wenigen Zeilen. Er setzte seine Frau Johanna zur Universalerbin ein und machte sie damit auch zur Alleininhaberin der SABA-Werke. Nur, sie besaß weder die fachlichen Voraussetzungen, noch hatte sie die Absicht, sich um die täglichen Geschäfte des groß gewordenen Unternehmens zu kümmern.

Die Zeit des Josef Fricker

So ernannte sie kurzerhand den bis dahin für die Technik des Unternehmens zuständigen Josef Fricker zum neuen Chef. Frickers Geschäftsführung ließ sie durch einen der Familie nahestehenden Wirtschaftsprüfer kontrollieren.

Klein, mürrisch, introvertiert - aber wirtschaftlich erfolgreich

Fricker war als Mensch wie als Firmenleiter das genaue Gegenteil meines Großvaters. Klein, mürrisch, introvertiert, aber von einem unbändigen Ehrgeiz erfüllt, regierte er das SABA-Imperium mit eiserner Faust. Er hielt nicht viel von freiwilligen Sozialleistungen oder von Fürsorge und Hilfe für die Belegschaft. Für ihn zählte einzig die Leistung. Widerreden duldete er genausowenig wie Kritik. Und wer nicht nach seiner Pfeife tanzte, erhielt über kurz oder lang den blauen Brief.
Aber nur selten trauten sich Mitarbeiter oder deren Angehörige, sich über Fricker zu beschweren. Und wenn, dann taten sie das nur hinter vorgehaltener Hand. Die Angst vor seinen Schikanen war zu groß. Obwohl meine Großmutter selbstbewußt und couragiert war und auch mit einem unbequemen Mann fertig werden konnte, bot ihr Fricker immer die Stirn. Er hielt sich für unersetzlich und drohte bei Vorwürfen, sofort alles hinzuschmeißen. Dabei vergaß er dann auch nicht, auf die Gewinne der Firma hinzuweisen, die sich allerdings auch sehen lassen konnten.

Sich mit der Oma anlegen war gefährlich

Frickers Stuhl kam eigentlich nur einmal wirklich ins Wackeln. Das war, als er meinem Bruder und mir das Betreten der Fabrikanlagen verbieten wollte. Für uns Buben hatte es nichts Interessanteres gegeben, als in den Werkstätten herumzustreifen, die großen Stanzmaschinen zu bestaunen, der Arbeit an den Fließbändern zuzuschauen, in der Schreinerei zu basteln oder auf einem der Lastwagen ein Stück mitzufahren. Als meine Großmutter hörte, daß Fricker uns dies verbieten wollte, fuhr sie sofort höchstpersönlich wutentbrannt in dessen Büro. Es half nichts, daß er sie darauf hinwies, daß in der Fabrik 62 ihre Enkel nicht immer sicher seien. Johanna Schwer sah in dieser eigentlich geringfügigen Sache eine Brüskierung ihrer Familie. Fricker begriff, daß er diesmal zu weit gegangen war. Er entschuldigte sich in gebührender Form und blieb auf dem Thron.

SABA war eine für viele Konkurrenten interessante Firma

Nach dem Tod meines Großvaters streckte der Telefunken-Konzern seine Fühler aus. SABA wäre schon damals ein höchst attraktives Übernahmeobjekt gewesen. Die Marke besaß einen hohen Bekanntheitsgrad, einen beachtlichen Marktanteil, machte Gewinne und war finanziell kerngesund. Außerdem kaufte SABA Bauelemente, besonders aber Radioröhren in großen Stückzahlen ein. Auf diesem Sektor lag Telefunken im Wettbewerb mit Firmen wie Siemens und Philips. Mit einer Eingliederung SABAs in den Konzern hätte man den eigenen Marktanteil auf dem Gerätesektor schlagartig verdoppeln und lästige Konkurrenten aus dem Feld schlagen können.

Kein Gedanke an einen Verkauf

Doch Oma Johanna Schwer lehnte schon den Gedanken an den Verkauf des Werks kategorisch ab. SABA sollte im Familienbesitz bleiben und eines Tages von ihren Enkeln übernommen und weitergeführt werden.

Die Tochter - unsere Mutter - im Prinzip enterbt

Ihre eigene Tochter bezog Johanna Schwer in diese Überlegungen erst gar nicht ein. Daß sich meine Mutter wieder verheiraten würde, und das möglicherweise mit einem Mann, der das Zeug zum Unternehmensleiter hätte haben können, schloß sie völlig aus. Zu tief saß bei ihr der Schock, den mein Vater verursacht hatte.

Um meine Mutter vor Annäherungen geldgieriger Männer zu bewahren, verfaßte sie ein entsprechendes Testament. In dieser seltsamen Nachlaßregelung setzte sie ihre Tochter nur als Vorerbin ein und entzog ihr jegliche Verfügungsgewalt über das Vermögen. Im Falle einer neuen Ehe sollte alles aus dem Nachlaß der Verwaltung und Nutznießung des Mannes entzogen sein.

Hans Georg und ich wurden die Erben

Zu Nacherben wurden mein Bruder und ich bestimmt. Maßgabe war, daß wir die Erbfolge am 3. Oktober 1954 antreten, dann nämlich, wenn ich als der jüngere das 25. Lebensjahr vollendet haben würde.

Die Benachteiligung meiner Mutter war so offensichtlich wie verletzend. Als Johanna Schwer im Oktober 1943 starb und das Testament eröffnet wurde, riet ein befreundeter Anwalt, es anzufechten. Die Chancen dafür standen gut. Doch meine Mutter lehnte ab und fügte sich einer Entscheidung, die noch lange Zeit wie ein Damoklesschwert über der Familie hängen sollte.

Wirtschaftliche Gedanken zum Vererben eines großen Familienbetriebs

Ein Industrieunternehmen stellt schon an sich eine problematische Hinterlassenschaft dar. Der Inhaber kann zwar versuchen, seine Nachfolge und die Weiterführung des Betriebs testamentarisch zu regeln, er sollte dabei aber vor allem das zukünftige Wohl seines Unternehmens und nicht das seiner Erben im Auge behalten. Industrieunternehmen besitzt und vererbt man nicht, wie man es mit einem Haus, dem Bankkonto, mit Schmuck oder einem Gemälde tut. Industrieunternehmen sind keine Objekte, sondern Organismen, so wachstumsfähig wie verletzlich. Sie sind abhängig vom Können der verantwortlichen Menschen und nicht vom Besitzanspruch einzelner. Anteile an einem Unternehmen lassen sich vererben, unternehmerisches Können nicht.

Aber unsere Großmutter hatte nicht weit genug gedacht

Meine Großmutter hatte sich bei dieser Entscheidung zu sehr von Gefühlen leiten lassen. Die Sachzwänge, die sich dabei aus dem Besitz eines Unternehmens ergeben, beachtete oder erkannte sie nicht. Sie war sich auch nicht der kaum zu bremsenden Eigendynamik bewußt, mit der SABA in riskant werdende Größenordnungen hineinzuwachsen begann. Diese Dynamik entwickelte sich aus dem Produkt heraus und begann mit der Stunde, in der sich Hermann Schwer entschieden hatte, Rundfunkgeräte zu produzieren. Die enorme Nachfrage nach diesem technischen Gebrauchsgut, das Marktvolumen, die enormen Entwicklungschancen bis hin zum Fernsehen, das alles versprach Wachstum auf Jahrzehnte hinaus: Ein Riesengeschäft, von dem sich eine immer größer werdende Zahl von Produzenten und Händlern ein möglichst großes Stück abschneiden wollten.

Die Liquiditätsfrage war bereits vorprogrammiert

So war es trotz aller Euphorie nur noch eine Frage der Zeit, bis das Angebot die Nachfrage übersteigen mußte. Das aber bedeutete Gefahr für ein Familienunternehmen wie SABA. Das hieß Kampf um Marktanteile über den Preis, Ausgleich niedrigerer Stückgewinne durch höhere Auflagen, Inkaufnahme von Lagerrisiken, Inanspruchnahme von Krediten - alles Indikatoren für den ausbrechenden Verdrängungswettbewerb, bei dem kapitalstarke Konzerne üblicherweise die besseren Karten und den längeren Atem haben.

Die Story geht weiter mit der Betrachtung der NAZI-Wirtschaft
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