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Hermann Brunner-Schwer erzählt in der "Ich"-Form:

Und er erzählt natürlich die historischen Gegebenheiten aus seiner (SABA-) Sicht und mit seinem Wissen. In die einzelnen Geschichten werden jetzt eine Menge zusätzlicher Informationen aus anderen großen Werken glaubwürdiger Autoren eingebaut.

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HBS erzählt : April 1945 - Heimkehr nach Villingen

12. April 1945. (Anmerkung : Der Krieg ist noch nicht aus.) Ein trüber Morgen, tiefliegende Wolken. Es ist kalt und regnerisch. Wir sind angetreten, Halbwüchsige mit Kindergesichtern, der jüngste gerade 15, der älteste kaum 17. Wir stecken in Uniformen der ehemaligen polnischen Luftwaffe, den meisten von uns sind sie viel zu groß. Die Beuteklamotten hatten jahrelang irgendwo herumgelegen, bis der Uniformindustrie der Stoff ausgegangen war. Jetzt sind sie wieder im Einsatz. Notdürftig auf deutsch umgemodelt, ein seltsamer Anblick.

Der Feldwebel steht vor uns,
den leeren Ärmel des abgeschossenen Armes ins Koppel gesteckt. An der Ostfront durchlittene Jahre sind in sein Gesicht geschrieben. EK1, Nahkampfspange, Deutsches Kreuz in Gold, jetzt gehört er zu den Ausbildern des letzten Aufgebots. Ein paar alte Landser schauen zu, machen sich lustig. „Da seht ihr Adolfs neueste Geheimwaffe, der Endsieg ist unser". Der Feldwebel stellt sich taub.

Man hört schon die Front

In der Ferne hört man die immer näher rückende Front. Es liegt eine dunkle Stimmung über dem Feldflughafen, undefinierbar, eine Mischung aus Angst, Hoffnungslosigkeit und Lethargie. Und wir, kaum ausgebildet, mit alten Karabinern, Handgranaten und ein paar Panzerfäusten gegen die waffenstarrende Übermacht des Feindes - die machen doch Hackfleisch aus uns.

Infanterieausbildung war eigentlich nicht vorgesehen in diesem Reichsausbildungslager, das der Luftwaffe unterstellt war. Man wollte eine neue Luftwaffe aus der Erde stampfen, nachdem viele der überlebenden Jagdflieger wegen angeblicher Feigheit vor dem Feind zu Infanteristen degradiert und an die Front geschickt worden waren.

Mit Blitzausbildung zum letzten Aufgebot

Besonders geeignet erscheinende Angehörige der Flieger-Hitlerjugend mit guten Leistungen im Segelflug wurden in diesen Lagern zusammengefaßt, um per Blitzausbildung auf eine Art Selbstmordeinsatz mit neuartigen Raketenflugzeugen vorbereitet zu werden.

Wir sollten mit dem Stummelhabicht trainieren, einem Segelflugzeug mit gestutzten Flügeln, mit dem die Kufenlandung des Raketenflugzeuges simuliert werden konnte. Doch pausenlose Angriffe gegnerischer Jagdbomber behinderten jeglichen Flugdienst. Also Kommando zurück. Für uns jedenfalls waren die Jagdfliegerträume schnell ausgeträumt, die Wirklichkeit hieß vielmehr Einsatz im Erdkampf, und den wollte man uns so schnell wie möglich noch beibringen.

Die Verwundung noch gar nicht realisiert

Meine linke Hand brennt wie Feuer. Sie ist dick angeschwollen. Der Sanitäter, der mir nach einem der Luftangriffe einen Splitter aus dem Handrücken zog, hatte etwas von einem Kratzer gefaselt, Jod auf die Wunde gepinselt und ein Pflaster draufgeklebt.

Wie jeden Morgen verliest der Feldwebel den Führerbefehl. Wir kennen ihn schon auswendig: Der Gegner stehe an den deutschen Grenzen, schuld daran sei das totale Versagen unserer Verbündeten. Es sei das Ziel unseres Feindes, das Reich zu zerschlagen, unser Volk zu vernichten und den deutschen Menschen auszurotten. Den jüdischinternationalen Aggressoren würde jetzt aber der totale Einsatz aller deutscher Menschen entgegengesetzt. Auf unsere eigene Kraft bauend würden wir nicht nur ihren Vernichtungswillen brechen, sondern sie zurückwerfen und solange vom Reich abhalten, bis die Zukunft Deutschlands, seiner Verbündeten und damit Europas Friede gewährleistet sei.

Parole : Kampf bis zum letzten Blutstropfen

Dann folgen die üblichen Phrasen vom Kampf bis zum letzten Blutstropfen, vom unbeugsamen Willen aller waffenfähigen deutschen Männer. Zum Abschluß bezeichnenderweise die Drohung vom sofortigen Erschießen bei Feigheit vor dem Feind. Die Stimme des Feldwebels klingt gleichgültig, fast gelangweilt.

Achtlos steckt er den Schrieb in seine Kartentasche und befiehlt: Wegtreten zum Gewehrempfang. Es geht auf den Schießstand. Wir ballern auf Pappkameraden, stehend, liegend, kniend. Bei jedem Schuß haut es mir den Gewehrkolben in die Schulter, ich kann den Karabiner nicht fest genug andrücken.

Glück gehabt, der Ausbilder sieht meine Hand

„Zeig die Pfote her", sagt der Feldwebel. Er muß schon eine Weile hinter mir gestanden haben. Er reißt das Pflaster ab und schüttelt den Kopf. „Hast' Dir 'ne Blutvergiftung eingefangen, komm nachher in die Schreibstube, ich schick' Dich rüber ins Lazarett nach Laupheim." Meine Kameraden sehen mich neidisch an, der Mannheimer hilft mir beim Packen. „Hast Du ein Schwein, schau bloß zu, daß sie Dich nicht wieder hierher zurückschicken, es kann ja jeden Moment losgehen."

Was mit der Kinderkompanie später geschah

Erst Jahre danach erfuhr ich, was mit ihnen geschah. Die Kinderkompanie wurde zwei Tage später in Marsch gesetzt in Richtung der sogenannten „Alpenfestung", jenem angeblich uneinnehmbaren Bollwerk, das es in Wirklichkeit gar nicht gab. Doch die Amerikaner waren schneller. Ein paar meiner Kameraden konnten sich noch absetzen und schlugen sich irgendwie durch, die anderen gerieten in Gefangenschaft. Nicht lange allerdings, denn die Amis hatten Erbarmen und schickten die Kids nach Hause.

Dauernd Fliegeralarme - Alltag

Der Fußmarsch nach Laupheim dauert eine knappe Stunde. Kaum bin ich unterwegs, höre ich die Sirene vom Flugplatz, einer der alltäglichen Fliegeralarme. Und schon sind sie da, die Thunderbolds, Jagdbomber der Amerikaner. Die Flak schießt Sperrfeuer, Bordkanonen hämmern, Bombeneinschläge, ein infernalischer Lärm. Ich stelle mich unter einen Baum. Direkt über mir ziehen die bulligen Maschinen mit heulenden Motoren wieder hoch, formieren sich zu einem zweiten Angriff, über dem Platz steht ein schwarzer Rauchpilz. Jetzt liegen sie wieder in den Deckungsgräben und scheißen sich vor Angst in die Hosen. Hoffentlich hat es keinen von uns erwischt.

Im Wartezimmer des Lazaretts

Laupheim sieht friedlich aus. Die kleine Stadt scheint noch verschont geblieben zu sein. Im Lazarett werde ich in ein Wartezimmer für ambulante Fälle geschickt. Dort sitzen ein paar Landser herum, alles ältere Semester mit irgendwelchen Wehwehchen. Es riecht nach Karbol, schlechtem Tabak und ungewaschenen Füßen. Einer fragt mich, ob ich denn Mumps hätte oder irgendeine andere Kinderkrankheit, die anderen grinsen. Dann wenden sie sich wieder den üblichen Latrinenparolen zu, und davon gibt es viele in diesen Tagen.

Die Entzündung wird heftig

Das Warten nimmt kein Ende. Ich kann meine Hand kaum mehr bewegen, die Finger sehen aus wie Bratwürste. Ich fühle mich mies. Was wird man mit mir machen, muß ich hier bleiben, oder was passiert, wenn sie da sind, die Amerikaner oder die Franzosen? Heißt das dann Gefangenschaft, oder lassen die mich laufen? Je länger dieses Warten dauert, um so düsterer werden die Bilder. Von Gott und der Welt allein gelassen, habe ich Heimweh.

Wieder Glück, ein väterlicher Doktor

Endlich bringt mich eine Schwester in den Behandlungsraum. Trotz seiner Uniform sieht der Doktor so aus wie unser Hausarzt, ein weißhaariger Herr, der mich durch seine Nickelbrille fast väterlich betrachtet. Er blättert eine Weile in meinen Papieren.

„Na also, Jahrgang 29, jetzt holen sie auch noch die Kinder. Oder hast Du Dich freiwillig gemeldet?". Ich schüttele den Kopf und strecke ihm die lädierte Hand hin. Doch das genügt nicht. Ich muß Uniformjacke und Hemd ausziehen und schäme mich, seit meiner letzten Wäsche sind schon viele Tage vergangen.

"War höchste Eisenbahn mein Lieber"

Die Geschwulst reicht inzwischen bis zum Ellbogen. „Leg Dich auf die Pritsche, ich muß das aufschneiden, es wird ein bißchen wehtun." Und das tut es, mir wird übel. Der Doktor drückt Unmengen von Eiter und Blut aus der Wunde, dann versorgt er die Schnittstelle und macht einen dicken Verband. Der verbundene Arm geht nicht mehr durch den Ärmel der Uniformjacke, die Schwester nimmt eine Schere und schneidet ihn auf.
Der Arzt stellt sich hinter seinen Schreibtisch und zündet sich eine Zigarette an. „War höchste Eisenbahn mein Lieber, eigentlich sollte ich Dich ja behalten, die Wunde ist ziemlich tief und noch lange nicht sauber, andererseits", er zögert eine Weile und fragt mich dann, wo ich zu Hause bin.

Der Doktor schickt mich heim

„Aus Villingen bist Du, das ist ja nicht allzu weit weg. Die Franzosen sollen zwar schon in Offenburg sein, aber durch den Schwarzwald kommen die nicht so schnell. Also, ich schicke Dich heim, Du mußt Dir halt irgendeine Fahrgelegenheit suchen."
Während die Schwester eine Armschlinge zurechtknotet und mir dann zwei Schmerztabletten verabreicht, schreibt der Doktor eine Art Marschbefehl aus. „Damit bist Du in das Villinger Militärlazarett überstellt, falls man Dich unterwegs kontrollieren sollte. Und sobald Du zu Hause bist, schmeiß diese Klamotten weg und laß Dich gleich von Deinem Arzt behandeln. Also mach's gut Junge, besser Du gehst wieder in die Schule als noch in Gefangenschaft." Fast wäre ich ihm um den Hals gefallen. Welch ein Glück, ich darf heim!

Viel Hunger - aber Angst vor dem "Heldenklau"

Von einem Kirchturm schlägt es drei Uhr. Ich stehe auf der Straße vor dem Lazarett und habe plötzlich Hunger. Zum Frühstück hatte es die üblichen zwei Scheiben Komissbrot mit etwas Margarine und Kunsthonig gegeben, aber das war um sechs Uhr morgens. Wo könnte ich etwas zum Essen herbekommen? Zurück ins Lazarett? Lieber nicht, vielleicht falle ich dort noch einem "Heldenklau" in die Arme.

Wieder heulen die Sirenen

Während ich überlege, höre ich Flugzeugmotoren. Sekunden später heulen auch schon die Sirenen. Den Weg zum Bahnhof erspare ich mir. Selbst wenn jetzt ein Zug ginge, er käme nicht weit. Die gegnerische Luftwaffe besitzt seit langem schon die totale Luftüberlegenheit, ihre Jagdbomber sind allgegenwärtig, schießen auf alles, was sich bewegt. Am liebsten knallen sie die Züge ab, da gibt es keine Gegenwehr, und man kann die Dampflokomotiven schon von weitem erkennen, um sie dann in Ruhe aufs Korn zu nehmen.

Ich habe solche Angriffe schon ein paarmal miterlebt. Die Panik in den überfüllten Waggons, den Sprung die Böschung hinunter, das wehrlose Liegen im Dreck, vor Angst wie gelähmt, während die Amis ihr Scheibenschießen veranstalten. Der Anblick danach: Schreiende Menschen, Tote und Verletzte. Kann ich das je wieder vergessen? Frauen und Kinder waren auch darunter, entsetzlich zugerichtet vom erbarmungslosen Feuer der Bordkanonen.

Gedanken über Hermann Görings ruhmreiche Luftwaffe

Aber auch die Straßen sind nicht mehr sicher. Sie schießen jedes Fahrzeug zusammen, egal, ob es ein LKW der Wehrmacht, ein Personenwagen oder ein Fuhrwerk ist. Die Bevölkerung reagiert verbittert. Die einstmals so ruhmreiche Luftwaffe Hermann Görings existiert nicht mehr. Ihre wenigen noch einsatzfähigen Jagdmaschinen haben keine Chance, werden meistens beim Start schon erwischt oder bleiben unter den Tarnnetzen, weil es keinen Sprit mehr gibt. Die Wut richtet sich aber auch auf den vor nichts halt machenden Gegner. Abgeschossenen Piloten ist das oft schon zum Verhängnis geworden. Sie wurden an Ort und Stelle von den Zivilisten erschlagen.

Am Wegweiser nach Ehingen

Irgendwo in der Nähe wird bombardiert. Hämmernde Einschläge bringen die Luft zum Vibrieren, die Straßen sind plötzlich wie leergefegt. Hier zu bleiben, auf die Nacht und einen Zug zu warten, ist sinnlos, ich verliere nur Zeit. An einer Kreuzung zeigt ein Wegweiser nach Ehingen, das liegt so ungefähr auf meinem Weg nach Hause. Zu Fuß müßte ich es bis dorthin heute eigentlich noch schaffen. Vielleicht kann ich sogar bei irgendjemandem ein Stück mitfahren.

Auf der Landstraße tut sich so gut wie gar nichts. Nur selten fährt ein Fahrzeug vorbei, auf dem Kotflügel ein Beobachter mit nach oben gerichtetem Blick. Man nennt ihn den Luki-Luki-Mann. Niemand hält an. Wer jetzt nicht unbedingt unterwegs sein muß, bleibt in Deckung. Das Marschieren fällt mir schwer. Der Tornister hängt wie ein Bleiklotz auf dem Rücken, der Arm schmerzt bei jedem Schritt. So schaffe ich das nie. Also Marscherleichterung. Ich behalte nur noch Feldflasche und Zeltplane, der Rest wandert in den Straßengraben.

Vom Marschieren noch mehr Hnuger

Nach einer Weile komme ich durch ein Dorf und frage eine Frau nach dem Weg. Ob man hier irgendwo etwas zu essen bekommen kann? Ich muß auf sie einen so bemitleidenswerten Eindruck machen, daß sie mich kurzerhand zu sich mit nach Hause nimmt. „Setz Dich an den Tisch, ich bringe Dir was." In der Stube ist es warm. Neben dem Kruzifix hängt ein Soldatenbild, schwarz eingerahmt.

So gut wie jeder hat Tote zu beklagen

„Er ist 43 in Rußland gefallen, vom anderen Sohn haben wir seit zwölf Wochen nichts mehr gehört." Die Frau steht unter der Tür, ein Tablett in der Hand, darauf ein Glas Mich, hausgebackenes Brot und Butter. Nie zuvor hat mir etwas so gut geschmeckt. Sie setzt sich zu mir und fragt mich aus. Wo ich denn herkomme und wann er endlich vorbei sein wird, dieser elende Krieg. Lang kann es doch jetzt nicht mehr gehen. Ob hier noch gekämpft wird? Gestern hätten die alten Männer vom Dorf und ein paar Buben zum Volkssturm einrücken sollen, nur ein paar seien gegangen. Mit einem „Vergelt's Gott" bedanke ich mich bei der Bäuerin. Seit Jahren habe ich dieses Wort nicht mehr in den Mund genommen, jetzt kommt es wie von selbst.

Endsieg oder „Verbrannte Erde"

An einer Brücke ein Sprengkommando. Ein paar Pioniere stapeln Granaten unter den Pfeilern. Ich mache, daß ich weiterkomme. Bevor die Alliierten da sind, soll noch möglichst viel in die Luft fliegen. „Verbrannte Erde" hieß der Befehl. Er kam von Hitler aus dem Führerbunker in Berlin.

Und immer wieder Jagdbomber.

Im Tiefflug rasen sie vorbei. Die bulligen Motorhauben in knalligen Farben angemalt, auf der Suche nach Beute. Ein zerschossener Omnibus liegt im Graben. Darum herum Kleidungsstücke, Schuhe, zerfetzte Polsterstücke, blutbeschmiert. Das abgeschossene Flugzeug kommt mir in den Sinn. Wir hatten das Wrack zu bewachen. Die Besatzung der zweimotorigen Marauder hatte keine Zeit mehr zum Abspringen gehabt. Was von ihr übriggeblieben war, sah so grauenvoll aus wie es war. Uns allen war zum Kotzen gewesen damals. Nur einer war ungerührt geblieben. Der Mannheimer, so alt wie ich. Mit einem Stock hatte er sich an einer abgerissenen Hand zu schaffen gemacht, er wollte den Ring haben.

Meine Socken sind futsch. An den harten Knobelbechern habe ich mir die Fersen aufgerieben, jeder Schritt sticht wie mit Nadeln. Ich bin so kaputt, daß ich mich am liebsten irgendwo hinlegen würde.

Auf dem Weg "Nachhause" - Erlebnisse

Endlich erreiche ich Ehingen. Die Nacht zieht auf, es beginnt zu regnen, wenigstens haben die Jagdbomber jetzt Ruhe. Auf dem Bahnhof herrscht ein wüstes Durcheinander. Überall stehen, sitzen oder liegen sie herum, Soldaten, Zivilisten, Flüchtlinge und Ausgebombte mit ihren geretteten Habseligkeiten. Dazwischen Feldgendarmerie, Ausweiskontrollen am laufenden Band. Wenn man ohne die richtigen Papiere erwischt wird, stellen sie dich ohne Federlesens an die nächste Wand oder knüpfen dich auf, mit einem Schild um den Hals „Ich bin ein Verräter". Der Stabsarzt wußte, warum er mir den Marschbefehl ausgestellt, hatte.

Als die Züge noch pünktlich fuhren

Die angeschlagenen Fahrpläne sind nur noch Erinnerungsstücke an die Zeiten, als die Züge noch pünktlich verkehrten. Doch seit Monaten zerbomben die Alliierten systematisch das Schienennetz der Reichsbahn, dem wichtigsten Nachschubweg der Wehrmacht. Als Eisenbahner hatte man früher mal eine ruhige Kugel geschoben. Jetzt ist daraus ein verdammt gefährlicher Job geworden.

Ich frage herum. Niemand weiß etwas Genaues. Der eine behauptet dieses, der andere jenes, die Gerüchteküche brodelt. Ich zwänge mich durch die Tür zum Bahnsteig, auch dort warten sie in Scharen. In der Dunkelheit erkenne ich ein paar abgestellte Güterwagen und eine unter Dampf stehende Rangierlock. Auf ihrem Tender die Aufschrift: „Die Räder müssen rollen für den Sieg."

Nachts wurde unsere Welt dunkel (gemacht)

Es regnet in Strömen. Was in aller Welt soll ich bloß machen, mich hier herumdrücken und auf ein Wunder warten? Vielleicht gibt es in der Nähe ein Lokal oder etwas Ähnliches, wo ich mich hinsetzen und überlegen kann. Die Suche ist schwierig. Alles ist verdunkelt, wie blind tappe ich an den Häusern entlang. An einer Ecke treffe ich auf zwei Männer und frage. „Wenn Du geradeaus gehst, kommst Du an ein Haus, vor dem ein Lastwagen steht. Da ist eine Wirtschaft drin, die noch offen hat, wir kommen gerade von dort."

Es gibt nichts mehr zu essen

Hinter der Theke spült eine mißmutig dreinblickende Frau ein paar Gläser. Noch ehe ich etwas sagen kann, schnaubt sie mich auch schon an: „Halbwüchsige haben hier um diese Zeit nichts mehr verloren."

„Aber seine Knochen hat er schon hinhalten dürfen." Die Stimme kommt von einem älteren Mann, der vor einem Glas Bier sitzt. „Du siehtst ja ziemlich kaputt aus, setz' dich her Bub." Zu essen gibt es nichts, die Wirtin will Feierabend machen.
„Bring ihm wenigstens was zu trinken und damit du's weißt, ich ziehe hier erst Leine, wenn mein Holzvergaser genügend Druck im Rohr hat." Ihm also gehört der Lastwagen vor der Tür.

Mit dem Holzvergaser nach Tuttlingen

„Wo fahren Sie denn jetzt noch hin?" frage ich ihn vorsichtig. „Zurück nach Tuttlingen, bin für meine Firma unterwegs. Letzte Nacht habe ich noch eine Lieferung nach Ulm gefahren, wird wohl die letzte gewesen sein, die Franzosen stehen bei uns schon so gut wie vor der Haustür." Mit einem Mal klopft mir das Herz bis zum Hals. „Könnten Sie mich vielleicht mitnehmen? Ich muß ins Lazarett nach Villingen, und nach dort ist es von Tuttlingen aus gar nicht mehr weit."

Er überlegt eine Weile und nickt dann mit dem Kopf. „Na ja, wird sich schon machen lassen, und außerdem bin ich ganz froh, wenn ich nicht allein auf dem alten Bock sitzen muß. Man weiß ja in dieser Scheißzeit nie, was einem nachts so über den Weg, läuft. Aber sind Deine Papiere auch in Ordnung?" Ich greife in meine Jackentasche, doch er winkt ab. „Los, trink Deinen Sprudel aus und komm mit. Wir schauen mal nach, was der Holzvergaser macht." Ich stolpere hinter ihm her und kann mein Glück nicht fassen. Was für ein Tag!

Und er fährt wirklich, der Wagen mit dem Ofen drauf

Da Benzin und Dieselöl längst Mangelware sind, hat man aus der Not heraus viele Fahrzeuge mit einem Holzvergaser ausgerüstet. Ich habe nie begriffen, wie so ein Ding funktioniert, weiß aber, daß es fast schon eine Kunst ist, so ein Ding überhaupt zum Laufen zu bringen.

Der Mann zieht eine Eisenstange unter dem Fahrersitz heraus, stülpt sich ein paar rußgeschwärzte Handschuhe über und klettert ächzend über die Motorhaube auf das Dach der Führerkabine, hinter der ein monströser Ofen sitzt. Er öffnet einen Deckel, stochert mit der Stange herum, steigt dann wieder herunter und blickt durch ein Schauglas. „Die Flamme sieht gut aus, eigentlich müßte der Motor anspringen, steig ein". Und wahrhaftig, es funktioniert.

Der Mann rammt den ersten Gang ein und fährt behutsam an. Wie er sich auf der Straße zurechtfindet, ist mir allerdings ein Rätsel. Die Scheinwerfer sind mit Ausnahme zweier schmaler Schlitze mit schwarzer Farbe übermalt, die Sicht ist miserabel.

Ein wirres Durcheinander in der Nacht

„Wird eine Weile dauern, bis wir da sind, ich nehme einen Schleichweg, auf der Hauptstraße ist jetzt zu viel los, und Nachheizen werde ich auch müssen". Und tatsächlich, plötzlich scheint alles unterwegs zu sein. Zum Teil herrscht ein heilloses Durcheinander. Immer wieder müssen wir anhalten und vorbeifahren und Militärkolonnen Platz machen. Und erstaunlich viel Personenwagen begegnen uns.

Aufgestaute Wut - aber nur im kleinsten Kreis

„Da hocken die Parteibonzen drin, setzen sich mit Sack und Pack ab nach Bayern und tauchen dort unter. Mann, wie ich diese aufgeblasenen Ärsche hasse! Vor ein paar Tagen noch hat so ein Goldfasan bei uns im Betrieb eine Rede geschwungen, vom Durchhalten gefaselt, vom Endsieg und der unerschütterlichen Treue zum Führer. Seither ist er wie vom Erdboden verschwunden. Morgen soll ich mich beim Volkssturm melden, aber die können mich mal, ich habe noch vom Ersten Weltkrieg die Schnauze voll." Der Mann wird immer wütender.

Erinnerungen: Ich war damals in Frankreich

Während er weiterschimpft, kommen mir die Bilder vom Fronthelfereinsatz in Frankreich in den Sinn. Das war im vergangenen Herbst. Damals ging es in Villingen noch einigermaßen friedlich zu. Zwar wurden die Fliegeralarme immer häufiger, es kam auch zu gelegentlichen Angriffen auf das Bahnhofsareal. Doch größere Schäden gab es bis dahin noch nicht. Allerdings, inzwischen häuften sich die Überflüge feindlicher Bomberpulks auch am Tag, schier endlose Ströme „fliegender Festungen", ein so unglaublicher wie furchterregender Anblick.

Noch Stunden danach war das riesige Netz ihrer Kondensstreifen am Himmel zu sehen. Die Schallwellen tausender Motoren brachten Häuser und Erdboden zum Erbeben. Beschützt von Schwärmen eigener Jäger donnerten die Amerikaner am hellichten Tag übers Land. Nun hatten sie das Sagen am Himmel über Deutschland. Eine Stadt nach der anderen versank in Schutt und Asche. Einst wollte Hitler Englands Städte ausradieren, jetzt nahmen ihn seine Feinde beim Wort.

Fliegerasse - sie waren für mich die Größten

Die Wände meines Zimmers hatte ich mit den Bildern deutscher Fliegerasse gepflastert, dekoriert mit Ritterkreuz, Eichenlaub, Schwertern und Brillanten. Hans-Joachim Marseille, der Stern von Afrika, war für mich der Größte. Reihenweise holte er die Engländer vom Himmel. So einer wollte ich werden, obwohl die meisten von ihnen nicht mehr lebten. Gefallen für Führer, Volk und Vaterland. Die Luftwaffe war längst zerschlagen, aufgerieben in einem sinnlosen Kampf gegen ihre übermächtigen Gegner.

Indoktrination pur - trotz der verheerenden Niederlagen

Doch das wollte ich nicht wahrhaben, auch nicht die verheerende Niederlage der Wehrmacht an allen Fronten. Jahre der Indoktrination mit nationalsozialistischem Gedankengut, gepaart mit der meisterlich inszenierten Propaganda von Joseph Goebbels, wirkten auf uns Jugendliche nachhaltig und verhängnisvoll. Jungvolk und Hitlerjugend trugen das Ihre dazu bei. Schon den Kindern wurden die Parolen eingeimpft, von Adolf Hitler als dem „größten Feldherrn aller Zeiten", vom „unbezwingbaren deutschen Soldaten ", von der „Sendung Großdeutschlands als dem Einiger Europas", vom „Führungsanspruch des deutschen Herrenmenschen", von den Juden als unserem „Todfeind".

Jeder mußte in die Hitlerjugend

Das von Hitler schon 1936 erlassene Reichsjugendgesetz schrieb vor, daß alle deutschen Kinder ab dem 10. Lebensjahr der Hitlerjugend beizutreten hatten. Diese von einem Reichsjugendführer straff geführte Organisation gliederte sich in die „ Deutschen Jungmädel", den „Bund Deutscher Mädchen", das „Deutsche Jungvolk" und in die bereits den Waffengattungen der Wehrmacht angepaßte „HJ". Sobald ein Junge 14 Jahre alt war, wurde er entweder in die Flieger-, Marine- oder Motor-HJ übernommen. Dort lernte er dann das Segelfliegen, die Grundbegriffe der Seemannschaft oder wie man mit einem Motorrad auf der Straße und im Gelände umzugehen hat.

Und ich war sogar begeistert

Ich war mit großer Begeisterung bei der Sache, und mein Traum, Pilot zu werden, wurde bei der Flieger-HJ Wirklichkeit. Die Schule betrachtete ich als Nebensache, obwohl man sich auch dort ganz im Sinne des nationalsozialistischen Gedankenguts verhielt. Jede Schulstunde begann und endete mit dem obligatorischen „Heil Hitler", den rechten Arm erhoben und stramm gestanden. In jedem Klassenzimmer hing das Bild des Führers, daneben ein Spruch: „Der dem großdeutschen Reich von England und Frankreich aufgezwungene Krieg wird zum größten Sieg der deutschen Geschichte werden."

Und niemand traute sich NEIN zu sagen

Kaum ein Lehrer, der nicht das Parteiabzeichen im Knopfloch trug, ob aus Überzeugung oder aus Opportunismus. Unter den älteren Professoren mag es den einen oder anderen gegeben haben, der die Nazis nicht mochte. Doch die Furcht vor den üblen Folgen einer auch noch so vorsichtig ausgedrückten Kritik war einfach zu groß.

Die Sprache des Feindes lernen müssen

Ich hatte mit den Fremdsprachen nicht viel am Hut und schrieb eine schlechte Note nach der anderen. Als mir schließlich eröffnet wurde, daß meine Versetzung gefährdet sei, flüchtete ich mich in die Ausrede, keinen Sinn darin zu sehen, die Sprache unserer Feinde erlernen zu müssen. Sofort wurde ich vor den Herrn Direktor zitiert. Er hätte zwar Verständnis dafür, wenn die Jugend dem Gegner lieber mit der Waffe als mit Worten gegenübertreten möchte, Europa würde aber nach dem „Endsieg", befreit von den Machenschaften des „jüdischen Kapitalismus" unter der politischen und geistigen Führung Großdeutschlands stehen. Sich dann gerade den Engländern und Franzosen verständlich machen zu können, sie im Sinn des Nationalsozialismus zu erziehen, sei doch der Auftrag des Führers an die deutsche Elite.

Religion und Glaube - nur nationalsoziaistisch

Religion als Pflichtfach gab es längst nicht mehr. Wer von uns noch in die Kirche ging, wurde ausgelacht. Sonntags standen HJ-Führer in Uniform am Portal des Münsters und notierten sich die Namen jugendlicher Kirchgänger. Es gehörte Mut dazu, dieses Spießrutenlaufen in Kauf zu nehmen. Ich selbst hatte schon seit Jahren keinen Gottesdienst mehr besucht. Ich wurde zwar katholisch erzogen, doch jetzt hieß mein Leitbild nicht mehr Jesus Christus, sondern Adolf Hitler.

Nicht allzu viele Väter machten sich Gedanken über den starken und gefährlichen Einfluß der Hitlerjugend auf ihre Kinder. In der Mehrzahl waren sie ja selbst aktive Parteigenossen. Warum also sollte nicht auch der Sohn oder die Tochter im Sinne des Führers zu guten Deutschen erzogen werden? Außerdem, die Jugendlichen waren von der Straße, unter strenger Aufsicht, sie lernten Disziplin und Gehorsam, und das viel besser als zu Hause.

Wir springen von den persönlichen Erlebnissen zur SABA Story - Im diesem nächsten Kapitel erzählt HBS von seiner Stadt Villingen und den Großeltern.
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